Das Spiel der Wünsche

Autorin: Maggie Lehrman
übersetzt von Heinz Tophinke
ab 14 Jahren

Ein fröhlich buntes Cover, schief über die ganze Fläche verteilt in großen weißen und rot umrandeten Lettern der Titel „Das Spiel der Wünsche“.  Nun kann man sich da zunächst wenig drunter vorstellen. Ist es ein Thriller? – aber dafür ist das Titelbild doch eigentlich zu bunt, der Hintergrund zu hell. Reality? – würde man da von einem Spiel der Wünsche reden können? Eine Lovestory vielleicht?

Der Klappentext ist da schon eine kleine Hilfestellung. Hier erfährt man, dass die Wünsche offenbar mit Zaubern zu tun haben – ist es also Fantasy? Tatsächlich fällt es schwer, Maggie Lehrmans Jugendroman eindeutig einem Genre zuzuordnen, obwohl es so einfach erscheinen mag. Schließlich sind Zauber ja wohl eindeutig nichtreal und das ganze somit Fantasy! Jedoch wird im Laufe der Geschichte klar, dass man es ebenso gut unter – und ja das mag jetzt ironisch sein – Reality einordnen könnte.

Wie ich dazu komme? Nun, werfen wir mal einen kleinen Blick auf den Inhalt. „Das Spiel der Wünsche“ erzählt in verschiedenen Zeitebenen. Wir haben die handlungsrelevante Gegenwart und parallel die damit in Verbindung stehende Vergangenheit. Somit ein „davor“ und ein „danach“, und obwohl sich beide Zeitebenen das ganze Buch über immer mal wieder abwechseln, ist es dennoch leicht, den Überblick zu behalten. Natürlich stellt sich die Frage, was ich mit „davor“ und „danach“ meine. Davor und danach von was?

Hierzu sollten zum besseren Verständnis erst mal die Charaktere vorgestellt sein. Selber erzählend finden wir Ari, ein willensstarkes Mädchen, mit tänzerischem Talent und dem Traum, eine Primaballerina zu werden. Ihr Freund Win, ein tiefgründiger Junge, der, im Gegensatz zu Ari, aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammt. Wins bester Freund, Markos, ein Draufgänger, ein „Arschloch mit einem Herz aus Gold“ (siehe Seite 397) schlüpft ebenfalls in die Erzählerrolle, zudem noch Kay, ein unscheinbares Mädchen, dass sich im „davor“ an Ari und deren beste Freundin Diana gehängt hat. Diana ist keine Erzählerin, was ich persönlich schade finde, andererseits gibt es wohl mit den anderen vieren auch so genug, die die Puzzleteile dieser komplexen Story zusammentragen. Denn das Buch beginnt im „danach“ und das heißt, nachdem Win gestorben ist. Lange erfährt man nicht, wie er gestorben ist und somit will ich nicht vorweggreifen.

Ari beschließt, den Schmerz zu verdrängen, aber nicht, wie wir das vielleicht kennen, in dem man sich übermäßig in ein neues Hobby stürzt oder dergleichen, sondern indem sie zu einer Hakimistin geht und um einen Vergessenszauber bittet.

Hekamistinnen sind praktizierende Zauberinnen, sie können theoretisch einen Zauber für alles erschaffen. Diese Zauber werden in ein Lebensmittel – eine Scheibe Brot etwa, oder einen Keks – gegeben (was die entsprechende Nahrung auf magische Art unglaublich lange haltbar macht) und können vom Anwender somit einfach gegessen werden, dann entfalten sie ihre Wirkung. Hekamistinnen leben in Zirkeln, doch einem Zirkel beizutreten und Hekamistin zu werden ist zum Zeitpunkt, zu dem das Buch spielt, bereits zwanzig Jahre verboten. Wer es dennoch macht, gilt als illegal, wird man erwischt droht lebenslange Gefängnisstrafe. Das ist auch nachvollziehbar, da jeder Zauber einen Preis einfordert, nicht nur in Form von Geld. Ein Schönheitszauber etwa wirkt sich auf das Gehirn aus, kann also vereinfacht gesagt dumm machen, zudem verstärken sich diese so genannten Nebenwirkungen exponentiell, je mehr Zauber der Anwender konsumiert.
Nun will Ari also einen Zauber nehmen, um Win zu vergessen. Sie löscht ihn komplett aus, jede Erinnerung, in der Win vorkommt, ist fort. Doch was der Zauber einfordert macht die „danach“ Ari unglaublich fertig: ihre Anmut, ihre Koordination, alles, was sie zu einer brillanten Ballerina gemacht hat, ist weg.
Markos dagegen glaubt ganz anderes mit dem Verlust von Win umgehen zu müssen. Er hat drei ältere Brüder, von denen er sich missverstanden fühlt, glaubt aber gleichzeitig, keine Schwäche zeigen zu dürfen, um akzeptiert zu werden. Der Verlust zieht ihn in ein Loch, er muss entscheiden, wer er sein will – ein herzloser Arsch oder sollte er vielleicht doch einfühlsamer sein? Ehrlicher?

Kay ihrerseits ... nun, sie ist die Erzählerin, zu der es mir als Leser am schwersten fiel, Zugang zu finden. Sie ist einsam, was vielleicht erklärt wie sie handelt, warum sie also noch im „davor“ Ari und Diana heimlich einen Zauber gegeben hat, der die beiden ihrer Nähe hält und dazu bringt, sich mindestens alle drei Tage bei ihr zu melden, aber letztlich ist charakterlich der am extremsten geschnittenste Figur. Egoistisch und regelrecht gemein, aber dennoch irgendwo mutig.

So viel zur Grundsituation. Und mehr zu sagen wird jetzt schwierig, gibt es doch viele Verstrickungen und auch allgemein gesagt ist das Buch so aufgebaut, dass sich vieles erst am Ende erklärt, erst auf den letzten Seiten wirklich verständlich wird.

In der Kurzfassung gesehen würde ich sagen, dass sich jede Figur ihren eignen Dämonen stellen muss, ihre eigne Vergangenheit durchleben muss, damit jeder Charakter sich weiterentwickeln und der Leser die ganze Geschichte begreifen kann. Hier ist es natürlich irrsinnig hilfreich, dass Win selbst noch als Erzähler fungiert und alles aus seiner Sicht ergänzt. Tatsächlich erschien er mir der am realistischsten und lebendigsten dargestellte Akteur im Spiel der Wünsche.
Somit erkläre ich nun, wieso ich Lehrmans Jugendroman nicht einfach als Fantasybuch abstempeln mag. Denn im Grunde geht es nicht um die Magie sondern um Freundschaft, den Umgang mit Trauer, um tiefen Schmerz und Liebe – und die Suche danach, wer man eigentlich ist und wie uns unsere Entscheidungen verändern.
„Das Spiel der Wünsche“ besticht mit dieser besonderen Vermischung aus Realität und Fantasy, mit wortgewandter Sprache und ausdrucksstarken Charakteren – das einzige Manko, das mir einfällt ist, dass es geradezu unmöglich ist, eine Zusammenfassung zu liefern, deshalb kann ich nur jedem raten das Buch zur Hand zu nehmen und es einfach zu lesen. Das lohnt sich auf jeden Fall, regt zum Nachdenken an und ist eine literarische und philosophische Bereicherung für jeden, der bereit ist, sich in seinen Bann zu begeben.

Erschienen beim Arena Verlag

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Autorin / Autor: cheshirekitty - Stand: 25. Februar 2016