Years & Years

"Years & Years" macht uns deutlich, was sein könnte - und was um Himmels Willen niemals sein sollte. Und wir haben es in der Hand. Was also machen wir daraus?

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Filter, die man sich über ein Gerät direkt aufs Gesicht setzten kann, Fleisch, das vollkommen künstlich und ohne Tierleiden erzeugt wurde, Mikroimplantate, die in die Haut eingebracht werden, sodass man darüber das Internet bedienen kann - all das sind Dinge, die es 2025 und in den Folgejahren geben soll. Zumindest, wenn es nach der Serie "Years & Years" geht.

Was zunächst allenfalls etwas skurril beginnt, wird schnell bitterer Ernst. Der Fortschritt scheint schneller denn je, das Leben bequemer und zugleich komplexer denn je zu sein. Aber nicht nur der Fortschritt ist rasant - auch der Verfall unserer Welt schreitet nahezu unaufhaltsam voran. Mittendrin eine britische Familie, deren Mitglieder unterschiedlicher und nahbarer nicht sein könnten. Sie alle haben ihre eigenen, ganz alltäglichen Probleme und sehen sich gleichzeitig mit dem immer größer werdenden globalen Chaos konfrontiert. Banken brechen zusammen, Jobs werden überflüssig, Kriege und gewaltsame Revolutionen beginnen, und der Nordpol ist inzwischen vollends geschmolzen. Für jeden Fortschritt in einem Bereich, so scheint es, gibt es Rückschritte in einem anderen.
Während auf der einen Seite die Menschlichkeit und Akzeptanz zu steigen scheint, wird auf der anderen sogar die Entmenschlichung angestrebt.

Was genau das bedeutet? Seht es selbst! Denn "Years & Years" ist fantastisch! Tiefgründig, aufwühlend, wachrüttelnd, angstmachend, faszinierend. Großes Lob gebührt vor allem den durch die Bank weg fantastischen Darstellern, die die Familienmitglieder verkörpern. Durch die unterschiedlichen Generationen, vom Kind bis zur Großmutter, ergeben sich mannigfache Konflikte, bekommt man differenzierte Ansichten präsentiert.

Emma Thompson als populistische und schwer durchschaubare Politikerin brilliert auch hier, wie man es von ihr gewohnt ist - man nimmt ihr die Rolle von der ersten Sekunde an ab. Allerdings passiert so viel, dass ihre Figur manchmal ein wenig in den Hintergrund rückt.

Vorhersehbarkeit gibt es so gut wie gar nicht. Immer wieder beginnt eine neue Szene und es geschieht etwas, mit dem man nicht gerechnet hat. Dadurch bleibt die Spannung dauerhaft erhalten - und hoch. Man schaut immer mit dem unterschwelligen Gefühl, dass gleich erneut etwas Schlimmes passieren könnte. Nicht selten laufen einem Schauer über den Rücken, noch häufiger schlägt man sich vielleicht mit einem Aufschrei die Hand vor den Mund, weil die gezeigten Vorgänge so intensiv und manchmal auch grauenvoll sind. Dazu trägt auch die ausdrucksstarke Musikuntermalung bei. Die Kamera zeigt öfter nicht alles, deutet manches nur an, hält dann aber in anderen Momenten wieder voll drauf, was teilweise schwer zu ertragen sein kann. Trotzdem gibt es auch Szenen, die rühren, die Menschlichkeit und Zusammenhalt zeigen.
Das Ende ist ein wenig überraschend, plötzlich, macht aber auch wieder ein bisschen Mut, und wirkt gleichzeitig irgendwie doch noch unvorstellbar, aber im guten Sinne.

Years&Years ist aber definitiv keine Schönwetterserie. Sie ist harter Tobak, nichts für schwache Nerven und gerade dadurch oftmals so unheimlich schwer anzusehen, weil die dort gezeigten Geschehnisse überhaupt nicht abwegig sind. Im Gegenteil. Vieles davon mag in der Zukunft liegen, vieles passiert aber auch jetzt schon.
Flüchtlingskrisen, Verschwörungstheoretiker, globale Erwärmung, soziale Ungerechtigkeit. Und nicht wenig davon könnte noch passieren, wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher. Die gezeigten Ereignisse regen stark zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Umdenken an. Diese Serie ist definitiv, nein, unbedingt sehenswert! 2025 und die Folgejahre sind nicht mehr lang hin. "Years & Years" macht uns deutlich, was sein könnte - und was um Himmels Willen niemals sein sollte. Und wir haben es in der Hand. Was also machen wir daraus?

Veröffentlichungstermin: 8. Oktober 2020 (digital, DVD, Blu-ray)

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Autorin / Autor: Sarah Hollstein - Stand: 7. Oktober 2020