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“Woman´s World”: Nicht das rosa Glätteisen ist das Problem, sondern die Botschaft!

Die deutsche Teilung ist schon lange aufgehoben, aber die Idee war doch viel zu gut, um sie einfach auf den Müllhaufen der Geschichte zu verbannen! In Österreich weitet MediaMarkt jetzt jedenfalls die Zonen-Vermarktung, die für Bekleidungsgeschäfte gang und gäbe ist und auch für Spielzeug guten Anklang findet, auf Elektrogeräte aus. Festgelegt werden die Sektoren allerdings nicht nach politischen oder geographischen Gesichtspunkten, sondern nach Geschlecht: “Woman´s World” nennt sich das und bringt, den Artikeln im Online-Shop nach zu urteilen, vor allem Körperpflege und Küchengeräte an die Frau.

Besonders witzig dazu der Slogan: “Speziell für Frauen… und Männer, die Frauen was Gutes tun wollen”. Welche Frau kennt das nicht? Die traumatische Erfahrung, im verstörenden Technikdschungel ein deluxe-Hautverjüngungsgerät (kein Witz) finden zu müssen? Und kann es ein romantischeres Geschenk geben als eine Waage, wahlweise für Küche (“Alles Gute zum Geburtstag, Schatz, hier, damit kannst du dir deinen Kuchen selber backen!”) oder Körper (“Alles Gute zum Geburtstag, Schatz. Erinnerst du dich noch an den Kuchen vom letzten Jahr? Bestimmt, wenn du hier mal kurz draufsteigst…”)?

Den Kommentaren auf der Facebook-Seite von MediaMarkt nach zu urteilen, mangelt es nicht nur online an Vielfalt im Sortiment, sondern auch in den Filialen selbst. Die dürftige Ausrüstung wird “ausgeglichen” durch gemütliche Sitzgelegenheiten (denn nur Frauen bekommen schwere Beine), das Angebot von Wasser und Kaffe für zwischendurch (Leiden Männer beim Einkaufen niemals Durst?), Blumenschmuck (sieht bestimmt lustig aus im ansonsten ja eher karg-grellen Ambiente dieser Kette) und Beratung (Sollte die nicht ohnehin im Elektronikfachhandel selbstverständlich sein…?).

Dass die Kommentare auf der MediaMarkt-eigenen Seite dennoch durchweg positiv ausfallen (gespickt mit der gelegentlichen Bitte, man möge doch das neue Angebot auch dafür nutzen, Frauen endlich so komplizierte Dinge wie eine Spiegelreflexkamera oder einen e-Book-Reader zu erklären), überrascht wenig, aber wie fällt die Reaktion ansonsten aus? Während es im Internet an spöttischen, empörten und belustigten Reaktionen nur so wimmelt, fühlt sich in der BadischenZeitung eine Leserin bemüßigt, das Konzept zu verteidigen: “Sind wir Frauen nicht so weit, dass wir uns, ohne als “dummes Heimchen hinterm Herd” abgestempelt zu werden, ein rosa Glätteisen kaufen können?”, fragt sie und verfehlt damit komplett den Punkt, um den es bei der Kritik der “Frauenzone” eigentlich gehen sollte.

Nicht das rosa Glätteisen ist nämlich das Problem, sondern die Botschaft, Frauen könnten nur dann für Technik interessiert werden, wenn sie entweder als Verschönerungsprodukt oder als Küchengerät daherkommt. Die Botschaft “Frausein ist ein Anwendungszweck”, die gesendet wird, wenn wir die “Frauenabteilung” direkt neben der Abteilung für Fotoapparate, Handys oder Fernseher finden. Und vor allem natürlich: Die ewige, leidige, Gebetsmühlenartige Wiederholung des Klischees, dass Männer und Frauen in verschiedenen Welten leben, die sich in diesem Leben auch niemals berühren werden. Bitte, MediaMarkt und alle anderen Anbieter von Konsumgütern für die Endverbraucherin: bietet nach Herzenslust rosane, pinke und lilane Produkte an. Tobt euch auch sonst im Farbschema aus, soviel ihr wollt. Aber hört endlich auf, so zu tun, als ob bestimmte Farben und bestimmte Eigenschaften sich nur mit bestimmten DNA-Kombinationen vertragen.

Dabei ziehen nämlich alle den Kürzeren, nicht nur, wenn auch am unmittelbarsten, die Frauen. Männern wird damit weiter verkauft, sie hätten gefälligst technikaffin, jeglicher Art von Hausarbeit abgeneigt und an ihrer persönlichen Erscheinung wenig interessiert, dafür umso mehr auf die ihrer weiblichen Mitmenschen fixiert zu sein. Frauen wird eine fertige Palette dessen präsentiert, was sie sich wünschen “dürfen”, ganz zu schweigen davon, dass ihnen mit völlig aus der Luft gegriffenen Geräten Geld aus der Tasche gezogen wird, das anderweitig sicher sinnvoller angelegt wäre: Welcher Mensch hat bittesehr ein natürliches Bedürfnis nach einer Ionen-Haarbürste?

Und nicht zuletzt leidet die Gesamtatmosphäre im Geschäft, wenn weiterhin so getan wird, als wäre ein angenehmes Ambiente lediglich dazu da, Kundinnen anzulocken, die zu unbedarft sind, einfach nur des Sortiments wegen zu kommen. Wie wäre es stattdessen mit Sitzecken, netter Beratung und einem umfangreichen Sortiment für alle?

So, wie die Idee im Moment umgesetzt wird, ist sie nämlich kein Marketing-Coup, sonden vor allem eine Riesenfrechheit, die bei mir eine Menge Fragen auslöst: Wie könnt ihr es wagen? Wer immer sich das ausgedacht hat, woher nehmt ihr das Recht, mir als erwachsenem Menschen vorzudiktieren, welches meine Interessensgebiete sind? Oder (denn um ehrlich zu sein, diktieren könnt ihr es mir sowieso nicht) euch auch nur anzumaßen, mir ein so beschränktes Weltbild verkaufen zu wollen? Mir zu suggerieren, dass meine Beine ständig enthaart, mein Körper auf ein bestimmtes Minimalgewicht getrimmt und meine Haare perfekt geglättet zu sein haben, bevor ich mich dann in die Küche stelle, um meine Familie zu bekochen? Was ist das für eine Schnapsidee, Männer danach zu fragen, was sie suchen – und es Frauen bereits fix und fertig vorzusetzen? Schubladendenken gibt es weiß Gott schon genug auf dieser Welt – das brauche ich nicht auch noch beim Einkaufen.

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Autorin / Autor: pfefferminztea - Stand: 7. Mai 2012
 
 
 

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