Im Abseits geparkt?

Gleichberechtigung von Frauen und Männern beginnt schon im Kleinen: Geschlechtsneutrale Formulierungen sollen verhindern, dass Frauen von vornherein benachteiligt werden.

Der jüngste Spieler beginnt. Erwartungsvoll richten sich zwei Augenpaare auf mich, weil ich keine Anstalten mache, die Würfel in die Hand zu nehmen, und wirken genervt, als ich darauf hinweise, dass nach dieser Definition mein Vater derjenige ist, der als erster an der Reihe ist: er ist der jüngste, weil einzige Spieler am Tisch, wenn ich mit meinen Eltern einen Spieleabend veranstalte. An diesem Abend haben wir ein ernsthaftes Gespräch darüber, seit wann ich “so auf dem Feministinnen-Trip” bin und dass ich mir “keinen Gefallen tue, wenn ich so durch die Welt laufe”.

Mag sein, dass mein Hinweis als reine Provokation abgestempelt werden kann, und mag sein, dass ich mir damit nicht immer “einen Gefallen tue”, denn, wie es ein Kommilitone von mir einmal formuliert hat: “Dieses Gendern ist so anstrengend!”. Aber hinter der im Einzelfall kleinkarierten Prinzipienreiterei steht ein sehr reales Problem: die Implikationen des nur scheinbar geschlechtsneutralen generischen Maskulins.

“Man weiß ja sowieso, dass Frauen mit gemeint sind”, heißt es oft in Bezug auf Formulierungen, in denen lediglich die männliche Form benutzt wird, und “es sei einfacher, einen Text zu lesen, wenn er im generischen Maskulin verfasst ist”. Leider geht diese Rechnung nicht auf.

Geschlechtsneutrale Formulierung steigert die Zahl weiblicher Bewerber
Bleiben wir zunächst einmal bei der ersten Behauptung, Frauen seien gleichberechtigt mit bedacht, auch wenn lediglich die Männer zu der Ehre kommen, erwähnt zu werden. In vielen Alltagskontexten funtioniert diese Logik ja ganz gut, jedenfalls habe ich persönlich es noch nie erlebt, dass nach der Lektüre einer einseitig formulierten Spielanleitung erst einmal alle weiblichen Mitglieder der Runde vom Tisch verbannt wurden. Aber bedeutet das schon eine effektive Gleichbehandlung? Nein, das haben Studien zur geschlechtergerechten bzw. -neutralen Sprache immer wieder gezeigt. Um mal einige Beispiele zu nennen: schon in den 70ern untersuchten Bem&Bem die Auswirkungen von geschlechtspezifisch formulierten Stellenanzeigen auf das Interesse potentieller Bewerber∗innen und stellten fest: obwohl alle verwendeten Anzeigen ausdrücklich mit dem Hinweis versehen waren, es handle sich um eine Firma, in der Bewerber∗innen beiderlei Geschlechts willkommen seien, zeigten nur 5% der befragten Frauen und 30% der Männer Interesse, sich auf eine Stelle zu bewerben, deren Anzeige auf das andere Geschlecht gerichtet war. Befragte man Menschen zu denselben Anzeigen in geschlechtsneutraler Formulierung, stiegen die Anteile auf 25 und 75%!

Gut, könnte man jetzt sagen, damals waren “traditionelle” Geschlechterrollen vielleicht noch tiefer verwurzelt, Menschen hatten größere Hemmungen, auf eine Anzeige zu reagieren, die sie nicht offen ansprach. Oder man könnte argumentieren, dass diese Erkenntnis nur in begrenztem Umfang überhaupt von Bedeutung sei, denn das Leben bestehe ja nicht nur aus Bewerbungen. In gewisser Weise bin ich sogar bereit, zuzugeben, dass die Studie sich nur begrenzt auf (heutige) deutsche Verhältnisse übertragen lässt, denn obwohl ich keine Expertin für Stellenanzeigen bin, würde ich wagen, zu behaupten, dass so extrem auf ein Geschlecht getrimmte Anzeigen, wie sie die beiden Bems untersuchten, in hiesigen Publikationen die große Ausnahme sind. So sie überhaupt vorkommen.

Wer denkt bei "Doktor Müller" an eine Frau?
Was aber durchaus mit schöner Regelmäßigkeit vorkommt, wie die das obige Bild schön illustriert, sind einseitige Verwendungen von Tätigkeitsbezeichnungen in der Alltagssprache. Und gerade hier greift das Argument, man wüsste ja ohnehin, dass mit der Formulierung beide Geschlechter gemeint seien, eben nicht mehr. Denn selbst, wenn man davon ausgeht, dass bei einer kritischen Reflexion über Formulierungen das Ungleichgewicht durch die einseitige Formulierung aufgehoben werden kann, im Alltag findet diese Art von Nachdenken wohl eher selten statt. Im Alltag regiert vor allem die spontane Assoziation, die ein Wort hervorruft, und die ist leider, entgegen der weit verbreiteten Ansicht, alles andere als ausgewogen. Es existieren mehrere psychologische Studien wie diese, die zeigen, dass das generische Maskulinum dazu verleitet, Männer eher zu bedenken als Frauen. In ihnen wird meist ein Satz vorgegeben, in dem das generische Maskulinum verwendet wird. “Radfahrer in Freiburg leben gefährlich”, könnte es da beispielsweise heißen, und im Anschluss werden die Befragten gebeten, einen kurzen Text/eine Geschichte zu diesem Statement zu verfassen. Durchgängiges Ergebnis: egal, ob der Text von einer Frau oder von einem Mann verfasst wurde, er handelt meist von einem Mann. Auf einem küchenpsychologischen Level lässt sich das Experiment sehr leicht nachstellen: Welches Bild entsteht im Kopf, wenn von “Doktor Müller” oder “Professor Schneider” die Rede ist?

Furchtbar kompliziert?
Na schön, das generische Maskulinum führt zu einer geistigen Schieflage. Aber was sind seine Alternativen? Da wird es schon schwieriger. Binnen-I (RadfahrerInnen), Sparform (Radfahrer/innen), Doppelnennung (Radfahrer und Radfahrerinnen), Gender-Gap (Radfahrer_innen) und geschlechtsneutrale Formulierung (Radfahrende) sind nur die am häufigsten vertretenen Optionen. Das ist ja schön und gut, argumentieren Liebhaber des generischen Maskulinums, aber doch so furchtbar kompliziert! Und zwar nicht nur für uns Schreibende, vor allem denken wir doch an unsere lieben Leser (die sicherlich komplett verwirrt wären, wären sie auf einmal LeserInnen, Leser/innen, Leser_innen oder Leserinnen und Leser… oder sogar Lesende!).

Geschlechtergerecht formuliert ist genauso verständlich
Nun, auch diese Befürchtung ist inzwischen untersucht. Sicherlich gibt es gute Gründe, es für möglich zu halten, dass genderneutrale Formulierungen das Gehirn belasten – immerhin hat der Arbeitsspeicher dann meist längere Formulierungen zu verarbeiten. Aber alle um ihre Leserschaft besorgten Autor*innen dürfen aufatmen, denn Braun et al. kommen in ihrer Studie zu der Erkenntnis, dass es keinen nennenswerten Unterschied für die Verständlichkeit von Texten macht, ob sie geschlechtergerecht formuliert sind oder nicht.

Bleibt also nur noch die schwere Entscheidung, welche der vielen Formen zum Zug kommen soll. Oder muss ich mich überhaupt entscheiden? Was mich betrifft, ich benutze inzwischen gerne (sofern ich daran denke: der Erziehungsprozess ist noch nicht abgeschlossen) eine Form, die ich leider überhaupt nicht korrekt benennen kann und die auf mich wie eine Abwandlung des Gender-Gap Konzeptes wirkt: meine Leser∗innen werden es bemerkt haben.  Aber je nach Anlass habe ich auch gerne mal Leserinnen und Leser, oder ich wechsle einfach ab und benutze in einem Satz die weibliche, im nächsten die männliche Form. Denn das schöne an einer Welt jenseits erstarrter Konventionen ist doch: Sie bietet einen bunten Regenbogen an unterschiedlichsten Möglichkeiten.

Warum also sich auf eine festlegen?

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Autorin / Autor: pfefferminztea - Stand: 29. März 2012
 
 

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