Von den eigenen Figuren überrascht: Ein Interview mit Moira Frank

Drei Jahre sind seit Moira Franks Debütroman vergangen. Im Interview verrät sie, was Figuren realistischer macht und worum es in ihrem neuen Roman "Nachtschwärmer" geht.

Foto von Charlotte Niekamp

Moira Frank wurde 1993 geboren. Sie hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert. „Nachtschwärmer“ ist ihr zweiter Roman. Seit ein paar Jahren lebt sie mit ihrer Freundin und zwei Katzen in Hamburg.

Liebe Moira, vor knapp drei Jahren haben wir dich von Lizzynet zum ersten Mal interviewt. Inzwischen hast du deinen zweiten großen Roman „Nachtschwärmer“ geschrieben, der bei Randomhouse erschienen ist. Was hat sich in den drei Jahren für dich persönlich und vor allem als Schriftstellerin verändert?
Wie schön, wieder hier zu sein! Als wir uns vor drei Jahren gesprochen haben, stand ich kurz vor meinem Masterstudium, das ich nach einem Jahr unzufrieden abgebrochen habe. Ich bin mit meiner langjährigen Freundin und Verlobten nach Hamburg gezogen und habe ein Volontariat in einer Online-Redaktion angefangen. Neben dem Vollzeitjob habe ich weiter an meinem zweiten Manuskript gearbeitet. Damit war ich teilweise bei sechzig Stunden Arbeit die Woche, also viel Stress und zu wenig Zeit für alles andere. Inzwischen arbeite ich Teilzeit und habe endlich mehr Zeit fürs Schreiben (aber auch gerade genug Geld für die Lebenshaltungskosten). Ich wusste schon vorher, dass es sich vom Schreiben allein schlecht lebt und dass viele sich den Platz und die Zeit für Kunst erkämpfen müssen. Aber es war noch mal was anderes, das am eigenen Leib zu erfahren.
Als Autorin habe ich noch mal einen großen Schritt gemacht. Das merkt man, wenn man mein Debüt „Sturmflimmern“ und mein neues Buch „Nachtschwärmer“ hintereinander liest, wie ich das gerade noch mal gemacht habe. Der Stil ist reifer, die Dialoge besser, die Story straffer. Ich liebe beide Bücher wahnsinnig, aber ich bin auch echt froh, dass ich wieder ein neues Buch habe, das mich und mein Schreiben noch besser repräsentiert.

Wie entstand die Idee für deinen neuen Roman?
Nach Sofia, der Hauptfigur aus „Sturmflimmern“, die laut, unverschämt und sehr leidenschaftlich ist, wollte ich eine Ich-Erzählerin schreiben, die das Gegenteil ist. Meine erste Idee für „Nachtschwärmer“ war Helena: Eine ganz normale 17-jährige, die lieber zu Hause sitzt, statt was Verrücktes zu unternehmen, und dann in etwas hineingezogen wird, das viel, viel größer ist als sie selbst.
Tatsächlich habe ich den Roman dann irgendwie zweimal geschrieben (oder anderthalbmal). Der Entstehungsprozess von „Nachtschwärmer“, das vorher „Mutterland“ hieß, ist also ziemlich chaotisch. Ähnlich, wie ich zum Beispiel mein Masterstudium abgebrochen habe, weil es mich kreuzunglücklich gemacht hat, habe ich die halb fertige erste Manuskriptversion nach langem Zweifeln und Ärgern in die Tonne getreten und ein ähnliches, aber doch ganz anderes Buch daraus gemacht. Zum Glück war das für meine Agentur und meinen Verlag kein großes Ding. Für mich war es die beste schriftstellerische Entscheidung, die ich je getroffen habe, außer vielleicht, den Kram zu studieren.
Die Variante des Buchs, die ihr jetzt druckfrisch lesen könnt, ist viel trauriger und tragischer, und mit der Entstehung von Lukas, Helenas Halbbruder, der am Anfang des Buchs bei einem Unfall stirbt, hat sich der Fokus auch von „Mutterland“ verschoben. Statt „Bruderland“ ist der Titel dann „Nachtschwärmer“ geworden. Und es passt. Versprochen.

Entwickeln sich deine Geschichten während des Schreibens immer anders, als du es geplant hast, oder war das bei „Nachtschwärmer“ eine Ausnahme? Hast du normalerweise schon das Ende im Kopf und verfolgst ganz zielstrebig das, was du dir als Finale vorgestellt hast?
Da ich mich nicht permanent in die Ecke schreiben will, plane ich immer eine grobe Outline. Aber richtig organisch entwickeln sich der Plot und die Figuren erst, wenn ich schreibe. Puzzle-Metaphern sind zwar ein bisschen out of fashion, aber es ist so ähnlich wie wenn man alle tausend Teile auf den Teppich schüttet und den Haufen grob sortiert: da Himmel, hier Gestrüpp, da Löwe. Aber beim Zusammensetzen gehören die Teile dann doch ganz woanders hin, also denkt man um, statt sie mit Gewalt einzufügen, wo man sie geplant hatte. Das Umdenken kann zwar anstrengend und nervig sein, aber es lohnt sich in meiner Erfahrung einfach immer.
Ich bin also darauf vorbereitet und freue mich darauf, dass meine Figuren mich woanders hinführen, als in meiner Outline steht, oder mir neue Seiten zeigen. Wie tief sich ganz natürlich die Beziehung zu Lukas’ beiden besten Freunden entwickelt hat, hat mich überrascht, und wie von selbst die vielen Leerstellen kamen, die Lukas hinterlassen hat: auf dem Teerdach, das drei trägt, auf der Rückbank, zu der sich Viktor beim Fahren so natürlich umdreht.
Für eins meiner kommenden Bücher habe ich übrigens das Finale schon so genau geplant, dass ich es jetzt schreiben könnte. Ich bin sehr gespannt, ob es so ins Buch kommt, wenn ich es dann schreibe, aber alle Zeiger stehen auf keine Chance. Wird also nie langweilig!

Die Charaktere in „Nachtschwärmer“ sind sehr unterschiedlich und realitätsnah beschrieben. Wie näherst du dich den von dir erschaffenen Figuren? Gibst du ihnen auch Eigenschaften von Menschen, die du kennst – oder sogar auch deine eigenen?
Weil mich meine Figuren wie gesagt so oft überraschen, nähere ich mich ihnen beim Schreiben viel stärker an, als wenn ich sie plane. Vielleicht schreibe ich in den Steckbrief, den ich vorher für meine Figuren ausfülle, dass Helena einen richtig elaborierten Kleidungsstil hat. Im Text stelle ich dann aber fest, dass das nicht zu ihr passen würde, denn sie fällt nicht gern auf. Normcore passt da definitiv besser zu ihr als coole Vintage-Jacken. Viktors schlechte Beziehung zu seinem Vater stand von Anfang an fest, aber seine Hassliebe zu ihm hat sich erst im Buch entwickelt und hat sowohl ihn als auch seinen nicht in Person auftretenden Vater stärker und realistischer gemacht. Als er Helena von Lukas’ vielen Nahtoderfahrungen erzählt, erzählt er eine Geschichte aus meiner Jugend, auch wenn ich nicht verrate, welche.
Es gibt immer Figuren, die mir besonders nah sind. Aber das sind nicht immer die, von denen man das als Leser_in vielleicht denkt. Und jede einzelne meiner Figuren hat Charakterzüge und Ansichten, aber auch Lieblingsfilme und Kleidungsstücke, die ich auch habe, große, kleine, wichtige und vollkommen unwichtige. Ich verteile das so geschickt, dass man das nicht merkt. Oder wenigstens nur, wenn man mich sehr, sehr gut kennt. Und überhaupt würde ich es nicht immer zugeben, denn ich verteile besonders gern schlechte Charakterzüge und deprimierende Anekdoten.
Von anderen Menschen nehme ich mir natürlich auch Eigenschaften. Das ist nicht immer ein bewusster Prozess, gerade bei ganz normalen und häufigen Verhaltensweisen. Die nimmt man einfach im Alltag logisch auf und kann sie irgendwann so schreiben, dass sie Sinn ergeben. Aber je spezieller es wird, desto wahrscheinlicher, dass ich das mal irgendwo gesehen habe. Vielleicht sogar gerade eben.

Auch in deinem neuen Roman gibt es wieder lesbische und schwule Jugendliche, wobei du nicht die Probleme von LGBT-Figuren wie Ausgrenzung und Diskriminierung in den Vordergrund stellst, sondern ihre Gefühle zueinander und ihre Beziehung zu Freund_innen. Das passiert noch viel zu wenig in der Jugendliteratur und deshalb willst du es ändern. Welche Rückmeldungen hast du bisher dazu bekommen? Von den Leser_innen, vom Verlag, von anderen?
Immer wieder schreiben mir LGBT Leser_innen, wie erfrischend sie es finden, über vielschichtige, ganz natürliche LGBT Figuren in Hauptrollen zu lesen, die nicht bloß existieren, um die cis hetero Hauptfigur zu inspirieren oder ihr schicke Handtaschen zu empfehlen. Viele cis hetero Leser_innen wünschen sich in Büchern, Serien und Filmen „ganz normale“ LGBT Figuren – das bedeutet allerdings meist, dass die LGBT Thematik bloß nicht zu „schrill“, zu präsent, zu sexuell sein darf. Am besten sollen fiktionale Charaktere und natürlich auch echte Menschen einfach nie erwähnen, dass sie LGBT sind. Aber das setzt uns alle nur unter homo- und transphoben Druck, uns für die Gesellschaft gefällig zu machen. Es drängt uns zurück in den sprichwörtlichen Schrank.
Wenn ich über meine natürlichen LGBT Figuren spreche, heißt das also nicht das gleiche wie das obige „normal“. Claras größte Angst ist es zum Beispiel, dass andere Mädchen sie für übergriffig halten, nur weil sie lesbisch ist. Obendrein erfüllt sie das Klischee der maskulinen Lesbe – wie ich aber auch. Ich könnte jetzt also versuchen, sie „normaler“ zu machen, vielleicht, indem sie sich gern schminkt. Aber warum? Das wäre ja Bullshit, denn für mich ist es ganz natürlich, klischiert butch lesbisch zu sein, und übrigens auch normal, und so würde ich es vermutlich noch öfter nennen, wenn „normal“ nicht eben diese andere unschöne Konnotation von Anpassung und Gefälligkeit hätte.
„Nachtschwärmer“ hat übrigens von meinem Verlag cbj nicht nur im Buchverzeichnis den Hinweis auf den LGBT Inhalt erhalten, sondern ist eins von 10 Büchern, die Random House zum Pride Month online vorgestellt hat. Entsprechend war schon vor der Veröffentlichung Interesse von LGBT Blogger_innen da, was mich wahnsinnig gefreut hat. Das Interesse hält weiter an, die Rückmeldungen sind so weit super. Das gibt es einfach selten, und noch ein bisschen seltener im Jugendbuchbereich und von deutschen Autor_innen, die selbst LGBT sind. Ich bin stolz darauf, dass ich was beitragen kann!

Man merkt deinen Geschichten auch immer einen gesellschaftskritischen Unterton an, wobei du dich ganz klar auf die Seite der Underdogs stellst. Welche gesellschaftlichen Themen brennen dir gerade noch unter den Nägeln? Und wird es dazu einen Roman geben?
Die zunehmende Rechtsradikalität nicht nur in Deutschland, sondern europa- und weltweit macht mir genauso Angst wie der Klimawandel und der sich zerfressende Kapitalismus. Das hängt natürlich alles zusammen und ist schon lange so: Die Ressourcen werden knapper, und statt das System umzudenken, richtet es sich härter denn je gegen Schwächere. Das alles will ich nicht ignorieren und kann es auch gar nicht. Ich schreibe zwar gerade Unterhaltungsromane, aber sie sind ja nicht reiner Eskapismus und die Probleme nicht immer abstrakte Parabeln.
Ich könnte eine Dystopie schreiben, in der Liebe verboten ist, und das als Metapher für Homophobie aufziehen, oder eine, in der Menschen bei ihrer Geburt in Kategorien gepackt werden und dann bestraft werden, wenn sie sie verlassen, und dann sagen, dass das als Parabel über Transphobie gedacht war. Aber für diese Themen braucht es nicht erst eine Dystopie. Die gibt es ja bereits. Ich kann direkt über sie schreiben, Leute direkt damit konfrontieren. Und manchmal ist das gar nicht leicht. Klar kann ich mich noch stärker und mutiger textlich von rechter Scheiße wie der AfD und deutschem Nationalstolz distanzieren als ich es in „Nachtschwärmer“ so kurz nebenher getan habe. Das werde ich in Zukunft sicher auch. Ich kann es mir gerade leisten, dass sich das genauso organisch entwickelt wie meine Figuren, und das ist schon ein Privileg – Fremdenfeindlichkeit und Rassismus setzen mir nicht persönlich zu, wie beispielsweise Homophobie und Sexismus. Aber es wäre falsch und peinlich, so zu tun, als würde das nicht für andere Menschen gelten.
Transphobie, Behindertenfeindlichkeit, Fremdenhass, Rassismus: Das alles verschwindet ja auf dem Papier nicht. Und wenn alle meine Charaktere und Geschichten innere und äußere Konflikte haben, dann werden sie auch von diesen Problemen betroffen sein und betroffen sein müssen. Nicht nur, weil es realistisch ist, sondern auch, weil es wichtig ist. Ich kann nicht einerseits meine Probleme literarisch verarbeiten, meine Underdogs lieben und die Gesellschaft kritisieren und dann unpolitisch sein, wenn es bedeutet, dass ich aus meiner Komfortzone heraus muss.

Die gleiche Frage wie letztes Mal, jetzt, wo wir wissen, wie viel du vorhast und wie stark sich deine erste Idee vom Endprodukt unterscheidet: Weißt du schon, was du als nächstes schreibst?
Ich glaube, diesmal bleibe ich lieber ein bisschen vage. Aber es wird diesmal kein Jugendroman – und es gehört, wenn ich alles richtig mache, ins Horror-Genre. Das Monster? Ein zwielichtiger kleiner Tierpark in Niedersachsen. Wenn ihr ab und an auf Instagram bei @moirafranks vorbeischaut, könnt ihr mich daran arbeiten sehen!

Liebe Moira, das war mal wieder ein tolles Interview mit dir! Vielen Dank dafür, und wir drücken die Daumen für viele weitere Romane, die wir von dir lesen wollen ;-)

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Autorin / Autor: Redaktion/ Moira Frank - Stand: 30. Juli 2019
 
 
 

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