"...das ist alles sehr surreal"

Interview mit der Schriftstellerin Moira Frank, die gerade mit „Sturmflimmern“ ihren ersten Roman veröffentlicht

Foto: Alexander Frank

Moira Frank, 1993 geboren, hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert. „Sturmflimmern“ ist ihr Debütroman. Sie schreibt und veröffentlicht außerdem Kurzgeschichten und lebt demnächst hoffentlich in Hamburg. Sie hat große Pläne.

Am 29. August ist dein Debütroman „Sturmflimmern“ erschienen. Was ist das für ein Gefühl, in den Buchladen zu gehen und das eigene Buch dort auf dem Tisch liegen zu sehen?
Bislang ist es ja noch nicht in den Buchläden, aber wahrscheinlich muss ich mich immer erstmal hinsetzen. Allein die letzten Monate, in denen nach und nach das Cover kam, dann das Kennenlernen des cbt-Verlags auf der Messe, die Vorschau, die Pressemitteilung, die Leseprobe, die erste Werbung – das ist alles sehr surreal.


Von der Idee bis zum fertigen Buch – wie lange hat das ungefähr gedauert?
Bei „Sturmflimmern“ fast exakt drei Jahre. Ich bin mit der ersten Idee im frühen Sommer 2013 aufgewacht und hatte innerhalb von zwei Wochen Setting, Figuren und einen groben Plot. Im Freundeskreis, alle aus meinem Studium, hatten wir ein Ferienhaus irgendwo im Wald am See gemietet, Sommer, Sonne, Wasser, Blaubeeren, da habe ich zu schreiben angefangen. Wir haben uns abends unsere Texte vorgelesen. Im Oktober hatte ich meine erste Version fertig. Dann kamen viele Überarbeitungen von meiner Seite, eine längere Pause, dann die Agentur, neue Überarbeitungen mit der Agentur, der Verlagsvertrag, noch mal Überarbeitungen und schließlich Anfang Herbst 2016 die Veröffentlichung. Das ist noch relativ lang.
 
Was war das schwierigste an diesem Projekt? Dran bleiben? Einen Verlag finden? Das Überarbeiten? Oder was sonst?
Ich habe sehr früh das Feedback bekommen, dass die Hauptfiguren zu jung und der Roman selbst zu erwachsen wäre. Ich habe eingesehen, dass das stimmte. Ich hatte ohnehin im Vergleich zur ersten Version noch viel an dem Manuskript geändert. Die Überarbeitung hat großen Spaß gemacht, weil sie dem Buch sehr gut getan hat, aber sie war auch unglaublich anstrengend, weil ich viel umwerfen musste, und natürlich habe ich nebenbei auch noch studiert, und wir hatten ein Theaterprojekt und später einen Film am Laufen. Ich musste ständig joggen, um den Kopf freizukriegen.

Dann hat es recht lang gedauert, bis meine Agentur einen Verlag gefunden hatte, der das Buch zwar mit einer größeren Änderung haben wollte, aber sehr nah an dem blieb, was das Buch ausmacht, nämlich das Setting und die Figuren in ihren Beziehungen untereinander. Für die Veröffentlichung habe ich ein Element entfernt, an dem ich sehr hing. Ich habe mir viel Zeit mit der Entscheidung gelassen, leicht war sie am Ende trotzdem nicht. Jetzt kann ich sagen, dass es sich gelohnt hat, für mich und für das Buch, das durch die Überarbeitungen für den Verlag noch einmal einen großen Satz gemacht hat. Vor einem Jahr, als ich den Vertrag unterschrieben habe, war ich mir da nicht sicher. Das war das Risiko. Mein Debüt erscheint bei Randomhouse, und es ist ein wirklich gutes Buch geworden – es hat sich gelohnt, und ich bin ziemlich glücklich.

Du bist bei Hamburg geboren, hast in Hildesheim studiert. Warum spielt dein Roman ausgerechnet in einer Kleinstadt in den USA?
Das werde ich oft gefragt! Das Setting in „Sturmflimmern“, aber auch die Art der Erzählung, sehr filmisch, ist eine Hommage an meine Kindheit und Jugend, die geprägt ist durch amerikanische Filme, Serien und Bücher. Ich war selbst noch nie in den USA. Überhaupt bin ich bislang wenig verreist. Meine Eltern allerdings haben früher viel in Amerika gearbeitet. Ich habe früh Englisch gelernt, amerikanische Kinderbücher und Bildbände gelesen, Filme im Original geguckt. Mein Vater, dem wir damals noch Faxe ins Motel in den USA geschickt haben, weil telefonieren so teuer war, hat uns salziges Popcorn, Pinienkerne und Zuckerstangen mitgebracht und Bilder von Palmen und Menschen aus dem ewigen Sommer, dazu die Koffer voller Sand, wenn er aus Miami kam. Die USA waren rätselhaft und unerreichbar und trotzdem irgendwie in meinem Wohnzimmer.

Das ging dann eben mit Hollywood weiter. Das spärliche, knappe Erzählen, das so typisch für amerikanische Literatur ist, kam in meiner Jugend und im Studium dazu und hat mich viel mehr beeindruckt und beeinflusst als die oft überschwängliche, weit verschachtelte deutsche Literatur. Popkultur ja, Poproman nein.
„Sturmflimmern“ spielte von der ersten Idee an völlig selbstverständlich in den USA und nirgendwo sonst: Der heiße Sommer, die heruntergekommene Kleinstadt mitten im wüstennahen Nirgendwo, in der die Menschen nicht nur wegen der Hitze auf Extreme zusteuern, das ewige Streben nach grenzenloser Freiheit, schlechte Waffengesetze, Jugendliche, die Autos fahren dürfen, Rassismus, Engstirnigkeit, Homophobie. Der Roman hat genau dieses Setting und diese typisch amerikanischen Figuren gebraucht und geschaffen. In Deutschland würden die Geschichte und die Figuren so nicht funktionieren, allein schon wegen der schieren Größe der USA im Vergleich zu Deutschland, der Grund, warum Sofias Adoptiveltern Harriet und Schill überhaupt jemals von der Bildfläche verschwinden und ein Kind aufziehen konnten, das ihnen nicht gehört.

Was hat dich an dem Thema gereizt?
In „Sturmflimmern“ stecken viele Dinge, die ich gerne lese. Ich wollte zum Beispiel ein ernstes, aber kein moralisierendes Buch schreiben. Mich hat nichts mehr genervt als mahnende Zeigefinger von Autoren und Autorinnen, die vor 30 Jahren jung waren und für die eine geklaute Packung Kaugummi die Einstiegsdroge zu Teenagerschwangerschaft und Totschlag sind. „Sturmflimmern“ ist ein stellenweise sehr brutaler Roman, aber ich würde was sehr falsch machen, wenn ich meinen Leserinnen und Lesern erklären müsste, dass Gewalt schlecht und verwerflich ist.
Ich schreibe gern über Gewalt, schon immer. Mich fasziniert, wie Menschen untereinander funktionieren und was sie einander antun können, im Guten wie im Schlechten, wenn man sie Extremsituationen aussetzt. Vielleicht erfahren wir nie, zu was wir fähig sind, weil nie jemand unsere Sicherheit bedroht oder die derer, die wir lieben. Eigentlich ist Sofia ein gewöhnliches 15-jähriges Mädchen, aber sie geht für ihre Familie und ihre Freunde und Freundinnen auch ans Äußerste. Wir bewahren alle unsere Geheimnisse, selbst wenn wir eng befreundet oder lang verliebt sind, aber irgendwann kommt die Wahrheit trotzdem ans Licht, was mit Sofias Mutter passiert ist, was wirklich zwischen Oscar und David steht, die auf den ersten Blick nur zwei verfeindete Brüder sind.
Letztlich habe ich das Buch geschrieben, das ich mit 14 selbst hätte lesen wollen und müssen. Nicht zuletzt, weil es mehrere lesbische und schwule Figuren in wichtigen Rollen hat. Das vermisse ich heute immer noch in vielen Büchern und Serien und ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass sich das ändert.

Was war (gefühlt) dein größter Erfolg oder die größte Überraschung in deinem „Schriftstellerinnenleben“?
Die größte Überraschung war, als ich mich 2013 auf den Walter Serner-Preis beworben habe, der ziemlich hoch dotiert und überhaupt sehr prestigeträchtig ist. Ich bewerbe mich allein schon aus Prinzip, wenn ich denn einen passenden Text und große Briefumschläge zu Hause habe, also habe ich eine Kurzgeschichte bearbeitet, bin am letzten Tag in die Uni gerannt, habe ihn ausgedruckt und sozusagen in der letzten Sekunde noch unter den Poststempel gekriegt. Als ich ein paar Monate später spätnachts nach Hause kam und noch einmal meine E-Mails gecheckt habe, hatte ich eine Nachricht, ich hätte gewonnen und solle bitte zurückrufen. Bis ich da am Morgen anrufen konnte, war ich überzeugt, die hätten sich bestimmt geirrt. Hatten sie natürlich nicht. Ich wurde nach Berlin eingeladen, habe tolle, wichtige Leute kennengelernt, ich, eine eingeschüchterte 20-jährige Studentin aus der Kleinstadt, hatte eine Lesung mit Musik im Literaturhaus nur für mich, durfte im Radio zwei Texte lesen und beim RBB sogar noch extra Paternoster fahren, weil die sehr nett und geduldig waren. Das war irre. In meiner Uni hat es natürlich keiner mitgekriegt, aber das hat mich lange getragen. Ich habe paranoid auf dem Scheck geschlafen, bis ich ihn einlösen konnte, und ich habe auch einen riesigen Blumenstrauß bekommen, der einen Monat in unserer WG-Küche stand.

Du hast ja schon diverse Preise und Auszeichnungen gewonnen – wie hilfreich ist das für den Weg zu einem Verlagsvertrag?
Es war definitiv hilfreich. Ich habe über inzwischen fast zehn Jahre immer mal wieder irgendwo etwas veröffentlicht, auch wenn das, was in meiner Vita steht, alles aus den letzten fünf Jahren stammt. Ich verrate nicht, wie oft ich mich wo schon vergeblich beworben habe, aber mit Absagen umgehen hat man irgendwann raus.
Auszeichnungen bringen natürlich Aufmerksamkeit, vielleicht sogar ein paar Leserinnen und Leser, und hoffentlich hin und wieder auch etwas Geld. Wenn eine Agentur oder ein Verlag sieht, dass du schon in einer Zeitschrift veröffentlicht oder sogar einen Preis bekommen hast, kann das ausschlaggebend sein, dass deine Unterlagen gründlicher oder schneller angesehen werden. Es zeigt Ausdauer und Fähigkeit. Und die Leute erinnern sich an dich.

Hast du vor „Sturmflimmern“ schon mal versucht, ein Roman-Manuskript einzureichen? Was war das für ein Manuskript? Ist das für dich passé? Oder landet das nochmal auf irgendeinem Tisch?
Vor sechs Jahren habe ich meinen ersten Roman beendet, ein Fantasyroman, ein Dreiteiler, bei dem ich schon im ersten Teil nicht wusste, wo ich hinwollte. Wie der Roman überhaupt je ein Ende gefunden hat, ist mir im Nachhinein auch ein Rätsel. Ich habe gestern mal reingelesen, und es ist ziemlich tragisch und schlecht, aber es steckt auch einiges an interessanten Figuren und Ideen drin. Es gibt ein noch relativ geheimes Projekt, das ich 2017 anfangen will und das ziemlich groß werden könnte, und da werden definitiv einige Figuren weiterleben. Ich schmeiße eigentlich nie was weg. So eine Textdatei kommt ja schließlich auch kaum über 2 MB.

Willst du hauptberuflich Schriftstellerin werden / sein? Oder hast du einen Plan B? Ein zweites, drittes, viertes Standbein?
Keine Frage, ich will hauptberuflich als Schriftstellerin arbeiten. Das ist zwar nicht unmöglich, aber nicht einfach, gerade in den ersten Jahren. Ich arbeite ab Herbst hoffentlich selbst im Verlagsbereich, schließlich habe ich Leidenschaft für und Kenntnis von Literatur und Lektorat, das will ich nicht ungenutzt lassen. Wenn es sein muss, lege ich mir auch ein drittes und viertes Standbein zu, aber ich fürchte, was ich sonst noch kann, ist bloß fotografieren, und das wird nun auch nicht gerade gut bezahlt.

Welchen Rat würdest du anderen Nachwuchsautorinnen mit auf den Weg geben, die vom Schriftstellerdasein träumen? Was hat dir wirklich weitergeholfen?
Schreib das, was du selbst lesen willst, und schreib viel. Experimentier. Lies alles. Sieh Filme. Lerne, mit Kritik umzugehen. Umgib dich mit anderen, die schreiben. Bezahl niemals dafür, dass deine Texte veröffentlicht werden. Hör niemals auf, nur weil andere besser sind, denn erstens sind auch Leute schlechter, zweitens kann man das diplomatisch gesagt eh nicht vergleichen und drittens kann jeder besser werden.
Wenn du überlegst, kreatives Schreiben zu studieren, also so richtig als Bachelor und inzwischen auch als Master, was man in Hildesheim kann, wo ich war, oder in Leipzig, kann ich dazu sagen, dass das vier abenteuerliche und fantastische Jahre waren, ohne die weder ich noch mein Schreiben jetzt da wären, wo ich gerade bin. Es ist ein tolles Studium, vor allem, wenn du viel Energie reinsteckst und ausnutzt, dass du mit Menschen aus dem Theater- und Medienbereich zusammen studierst. Da kommen dann Dinge heraus wie das Tarantino-Theaterstück.

Wenn du jung bist und journalistisch arbeiten willst, bist du auf LizzyNet übrigens ziemlich richtig. Ich habe mit 16 und 17 hier geschrieben, Bücher rezensiert und bei Wettbewerben mitgemacht und empfehle die Seite auch als Ehemalige immer noch jungen Mädchen und Frauen weiter, die als Leserinnen und Autorinnen mehr Herausforderungen suchen als Horoskope und Boybands – auch wenn die natürlich grundsätzlich nicht verkehrt sind. Aber hier gibt es eben deutlich mehr!

Moira im Social Web

Dein nächstes Projekt?
Ich habe gerade mit der Arbeit an „Mutterland“ begonnen, ebenfalls ein Jugendroman, über ein Mädchen, das anstelle ihrer Mutter, die in U-Haft sitzt, eine geschmuggelte Tasche zu ihrem Abnehmer bringen muss und dazu ihre merkwürdige, an Aliens glaubende Klassenkameradin, einen klauenden Typen aus ihrem Heimatdorf und seine Band anheuert. Es ist ein schräger, aber düsterer Roman, diesmal vor allem um ungewöhnliche Freundschaft. Bis Ende des Jahres bin ich hoffentlich mit der ersten Version fertig, und für das Projekt danach mache ich schon seit über einem Jahr nebenher Notizen. Und ich sitze an einem Kurzgeschichtenband über den Ort, aus dem ich stamme, in dem in einem Sommer eine Mordserie endet.

Um welches Genre wirst du auf jeden Fall einen Bogen machen? Oder bist du für alles offen?
Ich schließe nichts pauschal aus, halte es aber für unwahrscheinlich, dass ich mich noch mal ganz tief ins Genre verirre. High Fantasy ist aus bei mir. Für Science Fiction bin ich nicht schlau genug. Liebesromane sind auch nicht wirklich mein Fall, zumindest keine konventionellen.

Einen großen Traum hast du dir mit Erscheinen dieses Romans ja vermutlich schon erfüllt? Wovon träumst du jetzt?
Ich werde mir mit meinem Büchern einen großen Namen machen. Die vermesseneren Träume behalte ich so lange für mich, bis sie vielleicht wahr werden.

Liebe Moira, vielen Dank für das Interview!

Autorin / Autor: Redaktion/ Moira Frank - Stand: 25. August 2016
 
 

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