Corona macht solidarisch - noch

Laut einer Befragung der Uni Bielefeld sind zwei Drittel bereit, Einkäufe für Nachbar_innen zu erledigen. Die Hälfte würde sogar Vorräte oder Medikamente teilen

Wissenschaftler_innen des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Uni Bielefeld machen in der Corona-Krise einen „bemerkenswerten gesellschaftlichen Zusammenhalt“ aus. Laut einer Onlineumfrage unter mehr als 3000 Personen zu den gesellschaftlichen Folgen der Epidemie sind zwei Drittel der Befragten bereit, Einkäufe für Nachbar_innen zu erledigen, und die Hälfte gab an, Vorräte oder Medikamente zu teilen. 16 Prozent würden ihren Nachbar_innen sogar Geld spenden, wenn diese sie darum bitten würden.

„Die Ergebnisse legen nahe, dass die Hilfsbereitschaft in der aktuellen Krisenlage höher ist als Menschen gemeinhin annehmen“, sagt Studienleiter Dr. Jonas Rees. „Ein Viertel der Befragten war nicht nur bereit, zu helfen, sondern gab an, dies auch schon ganz konkret getan zu haben. Wir sehen gerade in dieser Krisenzeit einen bemerkenswerten gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ 

Weiteres Ergebnis: Zuspruch zu autoritären politischen Haltungen
Die Mehrheit der Befragten unterstützt zudem die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der weiteren Ausbreitung des Virus. Gleichzeitig hält die Analyse aber auch fest, dass in der Coronakrise der Zuspruch zu autoritären politischen Haltungen hoch ist. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) findet härtere Strafen bei Verstößen gegen die Auflagen gut. 52 Prozent bejahen die Aussage „Wir sollten dankbar sein für führende Köpfe, die uns sagen, wie wir die Corona-Krise bewältigen“. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) war bereit, während der Coronakrise notfalls auch Grundrechte einzuschränken.

Mehrheit lehnt Verschwörungstheorien ab
„Unter gewöhnlichen Umständen wären das alles bedenkliche Indizien für autoritäre Orientierungen“, warnt Rees, „Aber wir haben es derzeit nicht mit gewöhnlichen Umständen zu tun – in einer solchen Situation suchen Menschen Orientierung. Auch Verschwörungstheorien verbreiten sich daher jetzt zunehmend, werden aber bisher noch von einer Mehrheit abgelehnt.“ So lehnten 77 Prozent der Befragten die Aussage ab, dass geheime Organisationen während der Corona-Krise großen Einfluss auf politische Entscheidungen hätten – 8 Prozent stimmten ihr aber auch zu.

"Pragmatische Angepasstheit"
„Die Studie bestätigt unsere Annahme, dass die Coronakrise bei vielen Menschen zu einer pragmatischen Angepasstheit führt“, sagt Professor Dr. Andreas Zick, Leiter des IKG. „Wenn die Maßnahmen, die zentrale Grundrechte einschränken, längere Zeit anhalten, kann das bei vielen Menschen zunehmend ein Gefühl der Ohnmacht zur Folge haben. Die dann entstehende Ohnmacht macht anfällig für Populismus“, sagt Zick. „Es besteht die Gefahr, dass sich damit autoritäre Einstellungen bei einer großen Zahl von Menschen verstetigen.“ Der Konfliktforscher drängt darauf, die Auswirkungen der Coronakrise auf das zivile und politische Miteinander öffentlich zu thematisieren: „Wir müssen neben den medizinischen und ökonomischen auch intensiver über die gesellschaftlichen Folgen der Krise sprechen.“

Das IKG hatte die Onlineumfrage vor einem Monat gestartet – zu der Zeit, als wegen der Coronakrise bundesweit das Kontaktverbot verhängt wurde.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung