Alles andere als normal

Autor: Jörg Isermeyer

Der zwölfjährige Lukas – Sechstklässler und Star-Wars-Fan – findet sein Leben im Grunde eher langweilig und unspektakulär. Er ist als wohlbehütetes Einzelkind einer wohlhabenden Familie aufgewachsen und fühlt sich von der Fürsorge insbesondere seiner Mutter bisweilen sogar genervt. Etwas mehr Spannung und Abwechslung wäre ihm durchaus willkommen – und die kommt in Form der gleichaltrigen Jule in sein Leben, die er eines Tages dabei beobachtet, wie sie seinen Nachbarn hinterher spioniert.
Jule scheint in nahezu jeder Hinsicht das Gegenteil von Lukas zu sein: Sie ist frech, schlagfertig, setzt sich über Regeln hinweg und hat eine blühende Fantasie, wobei sie es gleichzeitig mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen scheint. Zwar stößt sie Lukas immer wieder vor den Kopf, doch beide sind auch neugierig aufeinander, und so finden sie immer wieder zusammen. Mit Jule erlebt Lukas endlich Abenteuer, denn gemeinsam durchstreifen sie die Stadt, denken sich Geschichten zu wildfremden Menschen aus und spionieren ihnen hinterher.
Als ihre Spielereien jedoch Ernst werden – die beiden kommen einer Gruppe von organisierten Fahrraddieben auf die Spur –, macht Jule plötzlich einen Rückzieher und will keinesfalls die Polizei einschalten. Und Lukas muss sich eingestehen, dass vieles, worüber er bei Jule bislang hinweggesehen hat, vielleicht doch von Bedeutung ist: Ganz sicher stammt sie nicht aus so gesitteten und stabilen Verhältnissen wie er, aber was spielt sich wirklich bei ihr zu Hause ab, und was verbirgt Jule noch vor ihm? Ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt ...

Zunächst erlebt der Leser das Geschehen aus Lukas‘ Perspektive; erst nach annähernd der Hälfte des Buches wechseln Lukas und Jule sich in der Erzählung der Ereignisse ab. Der authentische und überzeugende Einblick, den der Leser somit in zwei vollkommen unterschiedliche geprägte Kinder erhält, die konsequenterweise oft nahezu widersprüchliche Sichtweisen auf das Geschehen haben, trägt deutlich zum Reiz des Textes bei.
Obwohl der Leser durch den Perspektivwechsel den Charakteren oftmals im Wissen voraus ist, verliert die Geschichte nicht an Spannung und bleibt bis zum Ende fesselnd. Auch liegt der Fokus der temporeichen Erzählung nicht allein auf der Ereignisebene – soziale Probleme und auch den Gedanken und Gefühlen der Figur gibt der Autor Raum und vermeidet so Klischees und Oberflächlichkeit. Dass das Geschehen mitten in Berlin angesiedelt ist, ebenso wie die häufige Erwähnung realer Referenzpunkte, macht die Handlung zusätzlich greifbar und glaubwürdig.
Eine interessante und vielschichtige Lektüre, die besonders durch die Erzählperspektive und die glaubwürdigen Protagonisten ein absolut empfehlenswertes Leseerlebnis bietet. 


Erschienen bei Beltz & Gelberg

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Autorin / Autor: fabienne - Stand: 13. Juni 2014