Glück ist eine Gleichung mit 7

Autorin: Holly Goldberg Sloan
Übersetzt aus dem Englischen von Wieland Freund
ab 12 Jahren

Die zwölfjährige Willow aus Kalifornien ist hochbegabt, hat allerdings Schwierigkeiten damit, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und Freunde zu finden. Denn statt für Mode, Jungs oder Musik interessiert sie sich vielmehr für Pflanzen, exotische Sprachen, Hautkrankheiten und die Zahl 7. Willow ist zwar oft allein, aber nicht einsam oder unglücklich, denn bei ihren Adoptiveltern fühlt sie sich geliebt und geborgen. Und ausgerechnet durch ihre wöchentlichen Termine bei Dell Duke, einem fachlich völlig inkompetenten Sozialarbeiter, hat sie vor einigen Wochen auch die zwei Jahre ältere Mai und ihren Bruder Quang-Ha – in Therapie wegen Problemen mit seiner Aggressionsbewältigung – kennengelernt, die eventuell tatsächlich zu Freunden werden könnten.

Dann jedoch verunglücken Willows Adoptiveltern bei einem Autounfall tödlich, und mit einem Mal steht sie völlig allein da. Es gibt keine näheren Verwandten oder Freunde der Familie, und die Bezirksverwaltung will Willow ins Kinderheim und auf lange Sicht in eine Pflegefamilie stecken. Trotz all ihrer der Hochbegabung geschuldeten Absonderlichkeiten hat Willow allerdings das Talent, alle Menschen, denen sie begegnet, zu berühren und nicht selten deren Leben ganz unbewusst positiv zu beeinflussen – und nun, da Willow selbst nur Leere und Trostlosigkeit spürt, setzen sich unzählige dieser Menschen mehr oder minder freiwillig für sie ein ...

Mai überzeugt ihre Mutter, Willow vorübergehend bei sich aufzunehmen – auch wenn das zwangsläufig mit ein wenig Flunkerei gegenüber den Behörden verbunden ist. Dell Duke, eigentlich an Lethargie und Egozentrik kaum zu übertreffen, findet sich in der Situation wieder, ebenfalls für Willow in die Presche zu springen und Mais Familie zu decken. Und sogar ein Taxifahrer, den Willow einmal mit ihrer Diagnose eines Melanoms womöglich vor einer ernsthaften, unentdeckten Krebserkrankung bewahrt hat, macht sich für sie stark.

So erlebt Willow bei allem Leid, das ihr widerfährt, auch unerwartete Liebe und Fürsorge, und es liegt in ihrer Natur, diese zurückgeben zu wollen – der Weg zurück in einen Alltag ist für sie und alle Beteiligten nicht leicht und eine wahre Achterbahnfahrt der Emotionen, doch manchmal zeigt sich das Positive gerade dort, wo man es nie erwartet hätte ...

Ein emotional sehr intensiver, aber trotz der bedrückenden Thematik keineswegs niederschmetternder, sondern von einer außerordentlich warmherzigen Grundstimmung getragener Roman, der durch eine starke Geschichte, ebenso schräge wie authentische und liebenswerte Charaktere, durchaus aber auch durch Humor und Scharfzüngigkeit besticht. Besonders reizvoll erweist sich auch der Perspektivwechsel; während die meisten Kapitel in Ich-Perspektive von Willow selbst erzählt werden, stellen Zwischenkapitel in personaler Sicht zahlreiche der Menschen aus ihrem sozialen Umfeld, mit deren Schicksal das ihre im Verlauf der Geschichte Berührpunkte entwickelt, in den Fokus. So entsteht zusätzlich ein komplexes und spannendes gesellschaftliches Porträt, das zeigt, welche Kreise ein wenig Freundlichkeit und Achtsamkeit ziehen können. Dass es der Roman trotz der sehr eindeutig vermittelten Intention dennoch schafft, keinen moralisierenden oder dozierenden Unterton anzunehmen, zeichnet ihn zusätzlich aus. Eine intelligente, subtil humorvolle, bunte und vielschichtige und vor allem oft unerwartete Erzählung, die kurzweilig in der Lektüre ist, aber definitiv im Gedächtnis bleibt. 

Erschienen bei Hanser

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Autorin / Autor: fabienne - Stand: 6. Juli 2015