Aus Notwendigkeit der Beschäftigung heraus geschrieben

Wettbewerbsbeitrag von Alba Durand, 25 Jahre

Eine Darmperforation. So sagte das durch Schichtarbeit zerknitterte und gezwungen adrett lächelnde Gesicht der Ärztin an seinem Krankenbett. Ein Darmdurchbruch. So sagt der Rest. Als die Information zu ihm hindurchdrang, flutete ihn eine Welle bewegter rosaorangener Bilder durchzogen von dunkelroten Schlieren und schwarzen Löchern. Die Bilder begannen zu zittern und neben die schon vorhandene Übelkeit gesellte sich ein leichter Schwindel. Er war dabei, aufzugeben. Sich zu verabschieden. Schicht im Schacht. Alle sind mal dran, früher oder später, langsam oder aprubt. In einem versteckten Winkel seines Bewusstseins hatte er sich das sogar gewünscht und herbeigesehnt. Endlich loslassen können. Endlich nicht mehr kämpfen müssen. Endlich nicht mehr das Ringen um den Sinn, die Schmerzen zu erdulden. Das Versagen des Körpers nur ein Vorwand für eine eigentlich viel tiefer liegende Erschöpfung. Doch würde er nun aufgeben, wäre diese Geschichte zu kurz, also muss er noch einen Augenblick ausharren. Wenn er nur wüsste, dass dem Aufgeben ein unglaubliches Moment innewohnt.
Dabei war sein Leben äußerlich im Eigentlichen kein Kampf gewesen. Von Schonkostmahlzeit zu Schonkostmahlzeit hangelnd, war er zuletzt über den Tag hinweg geglitten. Im Homeoffice war ausreichend Zeit, das Gemüse vorzeitig dampfzugaren und auf Vorrat im Kühlschrank zu halten. Zwei warme Schüsseln am Tag, eine kalte am Morgen. Abends Körperübungen auf dem grauen Teppichboden der 1,5 Zimmerwohnung, den Staub der Vorgänger einatmend. Hin und wieder ein Gespräch mit den Nachbarn auf dem Flur auf dem Weg zum wöchentlichen Einkauf. Samstags Waschtag. Sonntags obligatorische Telefonate mit den Eltern. Donnerstags Badmintontraining der Betriebsmannschaft in der Halle. Danach ein kleines Bier mit Kollegen, manchmal gern, manchmal eher ungern, so war die Krankheit nicht zuletzt auch ein guter Grund, sich zurückzuziehen in die liebgewonnene, gewohnte und daher sichere Sitzposition vor dem PC. Und in Ruhe sein.
Bloß ein Rädchen im Getriebe zu sein, war noch nie schlimm gewesen für ihn. Er scheute die Aufmerksamkeit und war erleichtert über jeden Tag, da ihn keiner seiner Arbeitskollegen um Rat fragte. Es wurde von ihm erwartet, dass er seine Aufgaben erfüllte und er erfüllte diese Erwartung. So leicht konnte das Leben sein.
Er hatte es versucht, dem fortschreitenden Kranksein die schweißüberströmte Stirn zu bieten. Bauchschmerzen hatte er gehabt, seit er sich erinnern konnte. In der Grundschule. Durch die Gymnasialzeit. Auf Freizeiten gipfelten seine Krämpfe und er erbrach alles, was man ihm Essbares gab. Er wurde gemieden. Weiter während des Studiums, dieselben Schmerzen. Auch jetzt bei der Arbeit. Zu Beginn waren seine Eltern mit ihm noch auf Ärztejagd gegangen. Vor seinem geistigen Auge konnte er die Schilder zahlreicher Gastroenterologen ziehen sehen. Rostfreier Stahl auf Sandstein, weißes Plexiglas auf Verputz. Universitätskliniken, Experten im Ausland, ein Tipp aus dem Ärzteblatt. Die Versuche verzweifelten. Irgendwann Heilpraktiker, Schamanen und Chakrenheilung. Dann das oberflächliche Abfinden mit dem Unausweichlichen, das Vermeiden des Gesprächs, das eintretende Desinteresse. Würde er nicht nachts durch erwachende Schmerzen daran erinnert, so wäre es ihm beinahe auch gelungen, es selbst zu vergessen. Schließlich richtete er es sich so ein, dass er alle Reize, die ein erneutes Aufflammen der Krämpfe verursacht hätten, weitestgehend umging. Und er war damit gut gefahren. Bis zuletzt. So fand er sich zurück in seinem Krankenhausbett. Er wand sich vor Schmerz, ließ in sich hinaufsteigen, bis nichts mehr war, er nichts mehr war als elender gegen die Wände seiner Innereien pochender Schmerz. Dann mit einem Mal entspannten seine Muskeln. In der eintretenden Leere vernahm er eine Stimme in freundlichem Ton, seine Stimme in freundlichem Ton, aushauchend: Dabei liebe ich dich.
Wir sind am Ende angelangt.
Jetzt darf er gehen, so ist’s gut.

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Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.

Autorin / Autor: Alba Durand, 25 Jahre