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Verdiene ich zu wenig, oder lügen die anderen?
Warum auf Social Media alle mit Anfang 20 zur Oberschicht gehören und warum Vergleiche unglücklich machen
Hi, ich bin Alena und für euch in der Chemiebranche unterwegs. Dort begleite ich Ausbilder, Azubis und junge Schülerinnen und Schüler, die sich noch in der Berufsorientierung befinden. Ich spreche mit ihnen, höre mir ihre Sichtweisen an und kann daher für euch sozusagen exklusiv aus dem Nähkästchen plaudern, wenn es um Dinge geht, die euch bewegen. Heute geht es um ein Thema, das auch mich immer wieder etwas erstaunt, nämlich Geld. Oder besser gesagt: Gehälter.
Wenn ich über Geld spreche…
Wenn wir Pluspunkte für die Ausbildung in der Chemiebranche nennen, kommt meistens recht schnell das gute Ausbildungsgehalt. Auf Messen werde ich immer wieder danach gefragt und auch bei Elternabenden. Wenn ich eine Beratung mache, wieso man einen bestimmten Beruf, den es auch woanders gibt, in der Chemie machen sollte, dann nenne ich immer das Ausbildungsgehalt mit. Denn das ist wirklich gut. Über alle Jahre und Bezirke gerechnet, bekommen Azubis im Durchschnitt 1.270 € Ausbildungsgehalt im Monat.
Nahezu alle Eltern nicken dann immer anerkennend und das ist für mich ein Zeichen, dass ich mich da nicht irre und das Ausbildungsgehalt wirklich nicht schlecht ist. Klar, viele Ausbildungsbetriebe zahlen den Azubis mittlerweile mehr Geld als noch vor ein paar Jahren, denn natürlich vergleichen auch junge Menschen, wo sie mehr für ihren Einsatz bekommen.
Trotzdem scheint, gerade für eine Ausbildung und junge Menschen zwischen etwa 17 und 25, das Ausbildungsgehalt für fast alle, mit denen ich spreche, wirklich viel Geld zu sein. Und ich sehe das auch so. Klar, es ist nicht mit einem späteren Gehalt zu vergleichen, aber eben auch nicht gerade wenig.
Und wenn ich dann überlege, dass es mittlerweile wirklich viele junge Menschen gibt, die bis etwa 25 oder sogar noch länger im Studium oder in der Ausbildung stecken, frage ich mich manchmal, was mir eigentlich auf TikTok und Co. so ausgespielt wird und als Normalität verkauft werden soll.
Dafür stehe ich gar nicht erst auf
Denn vielleicht kennt ihr auch diese Videos: Jemand erzählt von seinem Gehalt. Meistens geht es um den Berufseinstieg und häufig liegen die genannten Gehälter irgendwo zwischen 3.000 und 4.000 Euro brutto. Brutto ist grob gesagt die Summe auf der Gehaltsabrechnung, bevor Steuern und Sozialabgaben abgezogen werden. Das, was am Ende tatsächlich auf dem Konto landet, ist deutlich weniger.
Und ja, auch 3.000 Euro brutto sind für viele Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger bereits eine ordentliche Summe. Je nach Ausbildung, Studium, Branche und Region kann das Gehalt höher oder niedriger ausfallen.
Trotzdem sind die Kommentare unter solchen Videos oft erstaunlich ähnlich: „Für 3.000 brutto würde ich nicht mal aufstehen“, „Ich verdiene mit Bachelor schon fünfstellig“ oder „Unter 80.000 Euro Jahresgehalt würde ich gar nicht erst anfangen“.
Und dann frage ich mich: Wieso sind auf TikTok eigentlich alle reich?
Die lautesten Stimmen sind nicht automatisch die meisten
Eine Sache habe ich über Social Media gelernt: Wer etwas Außergewöhnliches erlebt, spricht häufiger darüber. Das gilt für Urlaubsbilder, für Luxusautos und eben auch für Gehälter.
Niemand (oder fast niemand) erstellt ein Video mit dem Titel: „Hallo, ich verdiene ziemlich genau das Durchschnittsgehalt meiner Altersgruppe.“ Das wäre zwar völlig normal, aber wahrscheinlich nicht besonders spannend. Aufmerksamkeit bekommen eher die Ausnahmen. Die Menschen, die besonders viel verdienen, besonders schnell Karriere gemacht haben oder einen außergewöhnlichen Weg eingeschlagen haben.
Dadurch entsteht schnell ein verzerrtes Bild.
Wenn zehn Menschen ein durchschnittliches Gehalt verdienen und eine Person ein außergewöhnlich hohes Einkommen hat, wird wahrscheinlich genau diese eine Person ein Video darüber machen. Für Zuschauerinnen und Zuschauer wirkt es dann aber schnell so, als wären alle anderen genauso erfolgreich. Und ich darf mich da nicht ausnehmen, denn unter solchen Videos wird doch häufig mit Unglauben kommentiert, viele schreiben auch ihr sehr durchschnittliches Gehalt rein. Aber diese Kommentare rutschen schnell ganz nach unten.
Gehalt ist nicht gleich Gehalt
Hinzu kommt, dass viele Zahlen im Internet nur schwer einzuordnen sind.
Manche sprechen über ihr Bruttogehalt, andere über ihr Nettogehalt. Einige rechnen Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld oder Boni mit ein, andere nicht. Wieder andere verdienen einen Teil ihres Einkommens durch Provisionen oder Nebentätigkeiten.
Für junge Menschen, die sich gerade erst mit dem Thema beschäftigen, ist das oft verwirrend. Ich merke das auch in Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern. Viele hören eine Zahl und vergleichen diese direkt mit ihrer eigenen Situation. Dabei werden wichtige Fragen häufig vergessen:
- In welcher Region arbeitet die Person?
- Wie viele Stunden arbeitet sie pro Woche?
- Hat sie studiert oder eine Ausbildung gemacht?
- Wie viel Berufserfahrung bringt sie mit?
- Arbeitet sie im Schichtdienst?
- Ist das Gehalt dauerhaft oder nur durch Sonderzahlungen besonders hoch?
Eine Zahl allein erzählt nie die ganze Geschichte.
Nicht jede Branche spielt nach denselben Regeln
Natürlich gibt es Berufe, in denen schon Berufseinsteiger sehr gut verdienen können.
Wer in bestimmten Bereichen der IT, im Investment Banking, in der Unternehmensberatung oder in spezialisierten technischen Berufen arbeitet, kann teilweise sehr hohe Einstiegsgehälter erreichen.
Aber das bedeutet nicht, dass diese Gehälter für alle gelten.
Auch innerhalb der Chemiebranche gibt es Unterschiede. Mit einer Promotion, also einem Doktortitel steigt man natürlich anders ins Berufsleben ein als mit Ausbildung. Trotzdem gilt der Chemietarifvertrag als sehr attraktiv, nach der Ausbildung steigt man im Schnitt mit einem Monatsgehalt von 3.350 bis 3.550 Euro brutto, zzgl. Tarifleistungen ein!
Wenn ihr euch mit anderen vergleicht, solltet ihr deshalb immer darauf achten, ob ihr überhaupt ähnliche Voraussetzungen habt. Sonst vergleicht ihr am Ende Äpfel mit Birnen.
Foto:
Kaboompics: Gegen Gehälter im Internet fühlt man sich schnell wie ein*e Verlierer*in.
Was in Gehaltsvideos oft fehlt
Was mich an vielen Gehaltsvideos am meisten stört, ist das, was nicht gezeigt wird. Denn Geld ist nur ein Teil eines Jobs.
Vielleicht verdient jemand sehr viel, arbeitet dafür aber regelmäßig 60 Stunden pro Woche. Vielleicht ist der Stress enorm. Vielleicht gibt es kaum Freizeit oder die ständige Angst, die eigenen Ziele nicht zu erreichen.
Andersherum gibt es Menschen, die bewusst auf ein paar hundert Euro im Monat verzichten, dafür aber einen sicheren Arbeitsplatz, nette Kolleginnen und Kollegen, flexible Arbeitszeiten oder mehr Freizeit haben.
Über diese Dinge wird deutlich seltener gesprochen, dabei beeinflussen sie unsere Lebensqualität oft stärker als die letzte Gehaltserhöhung.
Warum Vergleiche fast immer unglücklich machen
Ich glaube, das eigentliche Problem sind gar nicht die Gehaltsangaben selbst.
Das Problem ist der Vergleich.
Früher haben wir uns mit Menschen verglichen, die wir kannten. Heute vergleichen wir uns mit Tausenden Menschen gleichzeitig. Mit den erfolgreichsten, lautesten und sichtbarsten Personen im Internet.
Und dabei können wir fast nur verlieren.
Die wichtigere Frage lautet eigentlich anders
Vielleicht sollten wir uns deshalb eine andere Frage stellen.
Nicht: „Verdiene ich zu wenig?“
Sondern: „Reicht mein Einkommen für das Leben, das ich führen möchte?“ oder „Komme ich mit meinem Geld klar?“.
Für manche bedeutet Erfolg ein möglichst hohes Gehalt. Für andere bedeutet er Sicherheit, Spaß an der Arbeit, Zeit für Familie oder die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Dass man natürlich immer gerne mehr verdienen möchte, ist auch klar. Aber wenn man mit seinem Gehalt gut hinkommt, ist das vielleicht auch in Ordnung. Und Geld kann nie Gesundheit und Glück aufwiegen, auch wenn das so abgedroschen klingt.
Gerade wenn ihr noch zur Schule geht, eine Ausbildung macht oder studiert, solltet ihr euch nicht verrückt machen lassen. Das erste Gehalt entscheidet nicht über eure gesamte Zukunft. Karrierewege verlaufen selten gerade. Viele Menschen wechseln später noch ihren Beruf, bilden sich weiter oder entdecken völlig neue Möglichkeiten.
Also: Wir lassen uns nicht von Gehältern im Internet verunsichern. Online kann jeder lügen, auch wenn das bestimmt nicht alle tun. Am Schluss bringt es uns nichts, viel wichtiger ist der Vergleich untereinander, zum Beispiel zwischen Frauen und Männern, aber auch im eigenen Betrieb. Das ist realistischer und bringt uns voran. Ein Tarifvertrag wie in der Chemiebranche, macht es uns hier allen einfacher.
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Autorin / Autor: Chemie Azubi - Stand: 16. Juni 2026