Zwischenlandung

Autor: Tobias Elsäßer

Buchcover Zwischenlandung

Tobias Elsäßer schreibt über sich selbst: „Ich fühle mich ein wenig wie ein Gemischtwarenladen, in dem es Musik, Bücher und jede Menge Träume zu kaufen gibt.“ Nach der Lektüre seines Lebenslaufes scheint mir diese Beschreibung mehr als passend: Geboren 1973 in Stuttgart absolvierte Elsäßer nach seinem Abitur sowohl eine Gesangs- als auch eine kaufmännische Ausbildung. Seitdem war er in verschiedenen Bands aktiv und sammelte auch Erfahrungen in Funk und Fernsehen. Seit etwa 10 Jahren schreibt Elsäßer Bücher für junge Erwachsene, die sich vor allem mit autobiographischen Themen, wie der Musik, beschäftigen. „Zwischenlandung“ ist sein aktuellstes Werk.

Die Handlung von „Zwischenlandung“ ist schnell erzählt: Mira und Gregor sind Freunde aus Kindertagen. Als sie in die Pubertät kommen, wird Gregor ziemlich cool und Mira wendet sich von ihm ab. Die beiden entwickeln eine gewisse Distanz zueinander, obwohl sie sich eigentlich nach wie vor mögen. Gerade als sich Gregor entscheidet, wieder einen Schritt auf Mira zuzumachen und ihr seine Gefühle für sie zu gestehen, wird er von einem Golfball am Kopf getroffen und fällt in ein Wachkoma. Mira ist nun natürlich wieder an seiner Seite, um Gregors Familie bei seiner Pflege und Betreuung zu unterstützen. Von diesem Punkt an werden die zwei Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird, sehr verschieden: Gregor erzählt, was er wahrnimmt und versteht. Das ist nicht viel, denn er liegt im Koma und geht davon aus, dass er sich auf einer Party so richtig abgeschossen hat und nun den Rausch, beziehungsweise den Kater seines Lebens erlebt: „Ich war ein großes, zugedröhntes Baby, das man in der Wiege vergessen hatte.“ (S. 55). Mira erzählt, was im echten Leben passiert; wie Gregors Familie hofft und bangt, wie sie mit finanziellen und emotionalen Herausforderungen umgehen muss.

Interessanter als die recht unspektakuläre Handlung ist jedoch die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten. Nachdem Gregor den Zustand der absoluten Verwirrung überwunden hat, wird er sich Schritt für Schritt über seine Situation klar. Dabei ist er stets zynisch und an manchen Stellen sogar philosophisch: „Vielleicht speicherten wir jeden Moment, jeden Augenblick auf der Erde, jedes Wort, jede Empfindung, aber kamen nur noch an einen Teil davon heran. Vielleicht gab es kein Vergessen.“ (S. 171).

Nach und nach beginnt er seine Umwelt wieder wahrzunehmen. Er sieht und hört Dinge, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass es sich dabei um die Realität handelt. Als Gregors Vater ihm ein Video über sein Schicksal vorspielt, und Gregor zum ersten Mal versteht, dass es in dem Video um ihn, Gregor, geht, reagiert er mit folgendem Gedankengang: „Woher kannten die Leute vom Fernsehen all die Details? Hatte ich bei Twitter, Facebook oder Instagram irgendein Häkchen vergessen? Hatten meine Eltern einen Vertrag abgeschlossen? Hatte ich einen eigenen Youtube-Channel?“

Stellen wie diese haben mich zum Lachen gebracht und entschädigen den Leser dafür, dass Gregors Erzählungen im ersten Drittel des Buches absolut sinnfrei und zusammenhangslos sind. Auch Miras Gedanken sind interessant und geben noch eher als die von Gregor einen Einblick in das Phänomen Wachkoma. Nur Mira ist wirklich von den Folgen und Schwierigkeiten in der Realität betroffen, da Gregor sich erst gegen Ende des Buchs über seinen tatsächlichen Zustand bewusst wird. Mira hilft bei Gregors Pflege und weiß somit auch über seine medizinische Versorgung Bescheid: „Wachkoma war nicht wie Krebs, wo man bis zuletzt die teuersten Medikamente auffuhr, weil man an Heilung glaubte und sich dabei an Blutwerten und Tumorzellen orientieren konnte. Wachkoma war ein Blick in die Glaskugel.“ (S. 219)

Insgesamt ist das Buch angenehm zu lesen, die Charaktere sind sehr authentisch gestaltet. Jedoch kommt die Handlung am Anfang eher langsam in Schwung, sodass der Leser etwas Geduld aufbringen muss. Außerdem kommen im Buch kaum medizinische Details zu Gregors Zustand vor, wodurch das Thema Wachkoma als solches eher oberflächlich behandelt wird. Im Vordergrund steht eine Lovestory mit einem großen Hindernis.

Erschienen im Sauerländer Verlag

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Autorin / Autor: lacrima - Stand: 26. Januar 2016