Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte

Autorin: Dita Zipfel
Illustriert von Rán Flygenring

Vielleicht hätte die zwölfjährige Lucie sich denken können, dass das Stellenangebot in der Zeitung tatsächlich zu perfekt ist, um wahr zu sein: Zwanzig Euro pro Stunde bietet ein Herr fürs Gassigehen mit seinem Hund, und da Lucie Geld dringend nötig hat, um von zu Hause auszuziehen, steht sie prompt am nächsten Tag vor seiner Haustür. Dass das der Beginn eines buchstäblich wahnsinnigen Abenteuers ist, ahnt sie nicht ...

Rückblende: Lucies Mutter hat ein Händchen dafür, die unmöglichsten Partner ins Haus zu holen, doch ihr derzeitiger Freund – Michi, Yogaenthusiast und Weltverbesserer mit Bekehrungsmission – ist derart unerträglich, dass Lucie es kaum noch aushält. Zudem ist ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Janni angeknackst, und in der Schule wird sie, schon immer Außenseiterin, mehr oder weniger gemobbt. Nun also soll der Job das nötige Kleingeld einbringen, um nach Berlin zu fahren – dort nämlich wohnt Bernie, Ex-Freundin ihrer Mutter und einer der wichtigsten Menschen in Lucies Leben.
Dumm nur, dass sie von Herrn Klinge, der ihr die Tür in voller Tarnmontur öffnet, als Erstes erfährt: Sein Hund ist tot. Stattdessen aber bietet er ihr widerstrebend an, Ghostwriterin für sein „Kochbuch für Killer“ zu werden. Lucie ist irritiert, lässt sich jedoch darauf ein – auch wenn der Alte, der Erbsen für Ghulaugen und Kartoffeln für Dracheneier zu halten scheint, reichlich seltsam auf sie wirkt. Spinnt er, oder ist an seiner verrückten Logik womöglich doch etwas Wahres? Leidet er unter Verfolgungswahn – oder ist es nicht tatsächlich ein wenig seltsam, dass immer wieder ein Van mit getönten Scheiben vor seinem Haus parkt?

Lucie und Klinge entwickeln eine ganz eigene, schräge Freundschaft, die Lucie zu ihrem eigenen Erstaunen auch andere Türen öffnet, etwa als sie über einen missglückten vermeintlichen Liebenstrank zwar nicht den wirklich unausstehlichen Marvin, allerdings den aufrichtig netten Leo näher kennenlernt und außerdem Taktiken entwickelt, mehr zu sich selbst zu stehen. Doch was wird aus Berlin? Was wird aus Janni? Mama ist auf einmal schwanger von Michi, Klinge verschwindet schließlich spurlos ... erklärt ist Lucies Welt noch lange nicht.

Eine frische, freche, unkonventionelle neue Stimme im Jugendbuch – aufrüttelnd und befremdend regt es zum Nachdenken an, stellt Klischees auf den Kopf und entzieht sich tatsächlich jeder Logik, treibt jedoch gerade dadurch den Leser voran und hält ihn in Atem. Die witzigen Illustrationen und Rezepte tun ihr Übriges, den Zustand leicht amüsierter, gespannter Verwirrung, der sich durch das gesamte Buch zieht, aufrechtzuerhalten. Somit mag das völlig offene, abrupte Ende letztlich nur konsequent sein. Wer sich allerdings auch nur den Hauch einer Erklärung erhofft oder gar darauf hingefiebert hat, wird hierüber nachhaltig frustriert zurückbleiben und sich ein wenig im Stich gelassen vorkommen. Wenn es einem Buch jedoch gelingt, ein derart starkes, beinahe empörtes Gefühl zu erzeugen, ist das schließlich beinahe wieder Qualitätskriterium.


Erschienen bei Hanser

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Autorin / Autor: fabienne - Stand: 26. August 2019