Wenn ihr uns findet

Autorin: Emily Murdoch
Aus dem Amerikanischen von Julia Walther

Der Roman „Wenn ihr uns findet“ von Emily Murdoch erzählt die Geschichte der jungen Carey, die sich allein mit ihrer kleinen Schwester mitten im Wald durchs Leben schlägt, nachdem ihre Mutter nicht mehr aufgetaucht ist. Als plötzlich ihr Vater auftaucht und die beiden zurück in die Zivilisation bringt, hat sie nur Fluchtgedanken, denn er ist der Grund, warum sie und ihre Mutter sich überhaupt im Wald versteckt haben.

Das Leben im Wald
Jeden Tag serviert Carey ihrer kleinen Schwester Jenessa Bohnen, obwohl diese schon lange die Nase voll hat von dem Essen aus der Dose. Es scheint gerade das größte Problem zu sein, diese Bohnen der kleinen Schwester durch kreatives Zubereiten doch noch jeden Tag aufs Neue schmackhaft zu machen. Doch eigentlich liegt das Problem ganz woanders. Die beiden wohnen seit Jahren in einem Wohnwagen ohne Strom- oder Wasseranschluss mitten in einem Wald, nachdem ihre Mutter mit Carey als kleines Kind vor den Schlägen ihres Vaters geflüchtet war. Nun ist Carey 15 und hat seit jeher nicht mehr in der Zivilisation gelebt und ihre Schwester und sich in den Wäldern großgezogen, da ihre drogensüchtige Mutter nicht mehr dazu in der Lage ist. Zumindest versorgt sie die beiden mit etwas Essen und beschützt sie hier vor der gefährlichen und bösen Außenwelt, wie sie sagt. Doch nun ist ihre Mutter schon seit Wochen nicht mehr zurückgekehrt und die letzten Konservendosen gehen zur Neige. Noch bevor das Essen ausgeht, passiert aber noch etwas viel Schlimmeres, ihr Vater taucht auf einmal im Wald auf und holt die beiden zu sich in seine neue Familie.

Sie kann das Waldmädchen in sich nicht loslassen
Auf einmal scheint alles perfekt. Sie wohnt in einem großen Haus mit einem eigenen Zimmer und fließend Warmwasser. Es ist immer Essen da, so lecker, dass sie es kaum fassen kann. Ihre Stiefmutter ist so liebevoll, dass sogar Jenessa vertrauen in sie fasst und ihr Vater ist so anders als in den grausamen Beschreibungen ihrer Mutter. Doch Carey kann ihm nicht trauen und schafft es nicht wie Jenessa, sich einfach einzugewöhnen und sich über den puren Luxus zu erfreuen. Es wäre ein Verrat an ihre Mutter und gleichzeitig fragt sie sich, ob ihre Mutter nicht eigentlich diejenige ist, die die beiden verraten und in diese Situation gebracht hat? In all dem Chaos der Veränderung sehnt sich Carey immer mehr nach dem Wald. Aber dort lauert ein Geheimnis. Das Geheimnis der Nacht der Weißen Sterne, in der Jenessa aufhörte zu sprechen.

Konfrontiert mit Careys Innenleben
Es ist unglaublich, wie viele Probleme in diesem Buch auf dem Rücken eines so jungen Mädchens lasten. Zusammen mit ihr geht man ihre Entwicklung durch, wie sie Schritt für Schritt ein neues Leben beginnt und gleichzeitig ihr altes Leben erst zu verstehen beginnt. Man baut eine enge Verbindung zur Protagonistin auf, denn die Perspektive ist die Sicht von Carey – ihre Gedanken, ihre Erinnerung und ihre Worte. Durch diese Nähe fühlt man stark mit ihr, doch ist es kaum Mitleid, sondern viel eher Bewunderung für ihre Stärke. Die Geschichte Careys ist hart und sehr berührend und das fühlt man als Leser in jedem Wort. Und noch etwas fühlt man, Zufriedenheit in seinem Leben. Denn man lernt zu schätzen, was man hat und sieht gleichzeitig, worin das wahre Glück liegt: Zuhause ist dort, wo die Familie ist. Familie ist jeder, den man liebt. Und Liebe bedeutet unendliche Stärke, mit der man alles schaffen kann.

Fazit: Kein einfacher Stoff erzählt mit viel Gefühl
Emily Murdochs „Wenn ihr uns findet“ ist allein von der Sprache her nicht schwer zu lesen, aber die Geschichte ist aufgrund ihrer Tragik schwer zu tragen, weil man mit Careys Innenleben intensiv konfrontiert wird. Ich würde das Buch also nicht allzu jungen Lesern empfehlen. Mit viel Gefühl wird hier das Leben eines ganz und gar nicht normalen Teenagermädchens beschrieben, das sich aber versucht in die Normalität zurück zu kämpfen.

Erschienen bei Heyne

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Autorin / Autor: s7illwat3r - Stand: 9. April 2014