Unterwassertage – Wie man wieder sichtbar wird

Autorinnen: Emma Noyes, Birgit Niehaus

Das Cover lässt einen einen seichten Sommerroman mit Lovestory vermuten, doch was man bei Unterwassertage bekommt, ist keine einfache „feel-good“ Lektüre – dieses Buch geht viel tiefer.

Unterwassertage von Emma Noyes handelt von Eliot, die nach drei Jahren bei der Hochzeit ihres Bruders zum ersten Mal wieder auf ihre Familie trifft und auf die kleine Privatinsel im kanadischen Huronsee zurückkehrt. Bei ihrer Ankunft trifft sie auf Manuel, ihren besten Freund und heimliche Liebe, was ihre mühsam aufgebaute Fassade bröckeln lässt. Seit dem Tod ihres anderen Bruders leidet Eliot unter Zwangsgedanken (OCD-Erkrankung), die zunehmend ihr Leben und ihre Beziehungen bestimmen. In New York hatte sie es im Griff – mit einem strukturierten Zeitplan, viel Arbeit und vor allem weit weg von Personen, die die Gedanken triggern könnten.
Sie hatte auch den Kontakt zu Manuel ohne Begründung abgebrochen. Doch jetzt kommen alte Konflikte, Gefühle und Erinnerungen wieder zum Vorschein und verstärken auch krankhaften Stimmen in ihr.

Die größte Stärke dieses Romans ist es, eine sonst unsichtbare psychische Erkrankung, ansatzweise spürbar zu machen. Alles wirkt sehr authentisch. Sicherlich auch, weil Emma Noyes ihre eigenen Erfahrungen einfließen lassen kann. Dieses Wissen macht es umso emotionaler.
Es gibt zwar einen Handlungsstrang, der Fokus liegt jedoch weniger auf einem klaren Spannungsaufbau, sondern eher auf der Innenwelt der Protagonistin: Sie teilt mit den Lesenden ihre Gedanken, Ängste und Gefühle. Diese wirken oft schwer nachvollziehbar und manchmal sogar befremdlich. Das hinterlässt ein schweres, bedrückendes Gefühl beim Lesen, das aber bei diesem Thema auch da sein darf.
Hier kommt Manuel ins Spiel: Er ist die Stütze und seine Art sorgt für ein warmes Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Dadurch schafft Noyes einen Gegenpol zu der verworrenen Gedankenwelt voller Selbstzweifeln von Eliot. Obwohl uns seine unausgesprochenen Gedanken und Gefühle leider verborgen bleiben, nimmt er dadurch eine sehr wichtige Rolle ein.

Inhaltlich gab es zwar auch Wendungen, die mich überrascht haben, jedoch wiederholen sich auch einige Aspekte immer wieder – was allerdings auch zu der Funktion der Krankheit passt. Die Spannung entsteht nicht aus der Frage, was passiert, sondern daraus, mitzuerleben, wie die Protagonistin mit ihren Gedanken ringt. Dass manche Entwicklungen früh erkennbar sind, wirkt deshalb fast nebensächlich.

Etwas schwerer getan habe ich mich mit den Zeitsprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Immer wieder wird man aus der aktuellen Handlung herausgerissen. Erst gegen Ende, als die Rückblicke kürzer werden und die Gegenwart mehr Raum bekommt, entwickelt der Roman mehr Tempo. Rückblickend wirken die Zeitsprünge jedoch sinnvoll – sie zeigen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart vor allem bei Traumata miteinander verwoben sind.

Am Ende bleiben einige Fragen offen und es ist schade, dass die Eltern und Geschwister eher blass bleiben. Es wird zwar angedeutet, dass auch sie mit ihren eigenen Problemen kämpfen, doch diese Aspekte werden kaum weiter verfolgt. Allerdings liegt das vor allem an der Erzählperspektive und lässt die lesende Person die Situation authentisch aus Sicht der Protagonistin wahrnehmen. Die Isolation zu der Außenwelt (die auch im Titel angedeutet wird) wird dadurch noch spürbarer.

Trotz dieser kleinen Kritikpunkte hat mich Unterwassertage tief berührt und lange beschäftigt. Nicht in erster Linie, weil es eine spannende Geschichte erzählt, sondern weil es auf eine authentische Art Einblicke in eine Erkrankung gibt, die für viele Menschen schwer zu verstehen und fassen bleibt. Dieses Buch fordert durch die Erzählweise, welche die Erkrankung widerspiegelt Empathie, Geduld und Verständnis von der Leserin und dem Leser. Wer bereit ist sich darauf einzulassen, wird mit einem tiefgründigen und auch atmosphärischen Roman belohnt, über ein Thema, von dem man sonst nur selten liest.

Erschienen bei dtv

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Autorin / Autor: Sarah L. - Stand: 29. Juli 2026