Rabenprinz

Autorin: Margaret Rogerson
Aus dem Amerikanischen von Claudia Max

Im Gegensatz zu den Menschen mag das Volk der Elfen unsterblich sein, doch dafür können sie weder Stoffe weben noch Brot backen oder auch nur einen Stift auf Papier setzen, ohne zu Staub zu zerfallen. Umso mehr sehnen sie sich nach diesen kunstvollen Fertigkeiten und da sie selbst nichts erschaffen können, bleibt ihnen keine andere Möglichkeit als Menschen damit zu beauftragen. Menschen wie die begabte Malerin Isobel, deren Gemälde äußerst gefragt sind und die nun sogar Rook, den Prinzen des Herbstlandes, portraitieren soll. Dabei begeht sie jedoch einen fatalen Fehler, der ihren royalen Kunden das Leben kosten könnte: Sie malt ihn mit sterblichem Kummer in seinen Augen ...

Meine Meinung
Rabenprinz ist ein außergewöhnlicher Fantasy-Roman, der zum Teil wirklich hält, was er verspricht, an anderen Stellen aber noch ausbaufähig gewesen wäre.

Besonders positiv in Erinnerung bleibt zunächst der malerische, geradezu poetische Schreibstil der Autorin, deren bildhafte, detailreiche Metaphern die märchenhafte Atmosphäre des Buches gekonnt unterstreichen. Er passt perfekt zu der der Heldin, die (ebenfalls) Künstlerin ist und einen ganz besonderen Blick auf die faszinierende Welt hat, die Margaret Rogerson erschaffen hat. Elfen sind in vielen Fantasy-Romanen ziemlich unheimliche Wesen, doch ihre Darstellung ist hier womöglich sogar noch etwas düsterer. Wer sich von der makellosen Optik täuschen lässt, begeht einen unheilvollen Fehler, denn hinter dem schönen Schein verbergen sich größtenteils manipulative, gefühlskalte Wesen, die mit den Menschen nicht das Geringste gemeinsam haben. Sie können die Gefühle der Sterblichen nicht nachvollziehen und haben eine perfide Freude daran, Menschen gezielt in ihre hinterhältigen Fallen zu locken.

Genau deshalb hat man als Leser auch große Schwierigkeiten mit der plötzlich aufkeimenden Liebesgeschichte zwischen Isobel und Rook. Dass sie aus verschiedenen Welten stammen, genauer gesagt verschiedenen Spezies angehören, könnte seinen Reiz haben, sofern man verstehen könnte, warum die beiden sich auf einmal füreinander interessieren oder was genau sie an dem jeweils anderen in irgendeiner Form anziehend finde. Leider kann man das aber nicht, weshalb dieser Aspekt der größte Schwachpunkt des Buches ist. Erst reden Isobel und Rook die ganze Zeit aneinander vorbei und können sich überhaupt nicht ausstehen, dann sind sie, ohne ersichtlichen Grund, auf einmal bereit ihr Leben füreinander zu riskieren. Das ist wirklich schade, denn mit einer nachvollziehbaren Entwicklung hätte auch die Liebesgeschichte sicher überzeugen können.

Davon abgesehen ist Isobel aber eine Protagonistin, in die man sich dank der Ich-Perspektive gut hineinversetzen kann. Sie arbeitet als Portraitmalerin, um ihre Familie zu unterstützen, und lässt sich nicht so leicht von ihrem finsteren Klientel unterkriegen. Nur Rook scheint sie zu verfallen, was man als Leser - erneut - nicht wirklich begreift, da man selbst ihm nicht allzu viel abgewinnen kann. Die Dialoge zwischen ihnen sind allerdings recht interessant und sorgen für eine Prise Humor in der ansonsten eher finsteren Geschichte.

Die Handlung vermag es insgesamt durchaus zu unterhalten und zu fesseln, sodass man das Buch innerhalb kürzester Zeit liest. Das Ende hält ein paar Überraschungen bereit, ist jedoch recht offen gehalten, obwohl es sich hierbei nicht um den Auftakt zu einer Serie handelt, und lässt somit einige Fragen unbeantwortet. Ein paar Seiten mehr hätten der Geschichte insofern also nicht geschadet.

Fazit
Rabenprinz ist ein außergewöhnlicher Fantasy-Roman, bei dem an einigen Stellen zwar noch Potenzial verschenkt wird, der insgesamt aber trotzdem zu unterhalten vermag. Wer Elfen einmal in einem etwas anderen Licht betrachten möchte und nichts gegen Liebesgeschichten hat, die sich sehr schnell entwickeln, sollte dem Buch also ruhig eine Chance geben.


Erschienen bei cbj

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Autorin / Autor: stephie - Stand: 2. April 2020