Produktive Einsamkeit

Viele Menschen litten nicht nur an der Einsamkeit in den Corona-Lockdowns, sondern konnten ihr durchaus auch etwas Positives abgewinnen

So verheerend die Auswirkungen der Lockdowns aufgrund von Corona auch waren, anscheinend hatte die Zeit, die man während der Pandemie allein verbrachte nicht nur negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden, wie neue Forschungsergebnisse der University of Reading zeigen. Auswertungen der Studie mit mehr als 2000 Jugendlichen und Erwachsenen ergaben, dass sehr viele Menschen in den ersten Tagen des Covid19-Lockdowns sogar von der Einsamkeit profitierten.

Zwar erlebten alle Generationen sowohl positive als auch negative Folgen des Alleinseins, die Forschenden stellten jedoch fest, dass die Beschreibungen der Einsamkeit mehr positive als negative Auswirkungen enthielten. Im Durchschnitt erreichten die Teilnehmenden in allen Altersgruppen, einschließlich der 13- bis 16-Jährigen, 5 von 7 Punkten für ihr Wohlbefinden, wenn sie allein waren. Dabei beschrieben sie die Erfahrungen mit der Einsamkeit so, dass sie sich kompetent und autonom gefühlt hatten. Für 43 Prozent aller Befragten war das mit dem Lockdown verbundene Alleinsein mit Aktivitäten und Kompetenzerfahrungen verbunden, sie verbrachten also ihre Zeit damit, Fähigkeiten aufzubauen, und dies war über alle Altersgruppen hinweg gleich. Auch Gefühle von Autonomie,  Selbstverbundenheit und Selbstvertrauen wurden oft genannt, allerdings doppelt so häufig von erwachsenen wie von jugendlichen Teilnehmer_innen.

Erwachsene im erwerbsfähigen Alter berichteten übrigens häufiger über negative Erfahrungen wie ein gestörtes Wohlbefinden oder negative Stimmung als Jugendliche. Bei den Jugendlichen dominierten dagegen eher Gefühle wie Entfremdung, die durch den fehlenden Kontakt mit Freund_innen entstanden waren.

Selbstbestimmte Motivation

"Die gängige Meinung ist, dass Jugendliche die Pandemie im Großen und Ganzen als negative Erfahrung empfunden haben, aber unsere Studie zeigt, dass Komponenten der Einsamkeit auch positiv sein können. In diesen ersten Monaten der Pandemie hier im Vereinigten Königreich haben wir festgestellt, dass berufstätige Erwachsene am ehesten Aspekte der Verschlechterung des Wohlbefindens und der Stimmung angaben, aber selbst diese werden nicht so häufig genannt wie positivere Erfahrungen der Einsamkeit", erklärt Dr. Netta Weinstein, Hauptautorin der Studie.

"Wir haben die Studie im Sommer 2020 durchgeführt, also zeitgleich mit dem Ende des ersten nationalen Lockdowns in Großbritannien. Wir wissen, dass viele Menschen in dieser Zeit wieder Hobbys und Interessen nachgingen oder die Natur bei Spaziergängen und Radtouren zunehmend zu schätzen wussten. Das, was wir als 'selbstbestimmte Motivation' bezeichnen, bei der wir uns dafür entscheiden, Zeit für uns allein zu verbringen, ist offenbar ein entscheidender Aspekt für ein positives Wohlbefinden."

Warum wir Einsamkeit brauchen

Die Ergebnisse stammen aus einer Reihe von Tiefeninterviews. Die Forscher_innen weisen darauf hin, dass die Ergebnisse aus einer Phase der Covid-19-Pandemie im Sommer 2020 stammen und empfehlen, die Erfahrungen mit Einsamkeit in herausfordernden Zeiten wie dieser und auch in alltäglicheren Zeiten, in denen die tägliche Einsamkeit anders aussehen und sich anders anfühlen kann, zu untersuchen.
Interessant wäre es auch natürlich zu wissen, ob sich das in den folgenden Lockdowns verändert hat.

Aber so oder so - was wir daraus lernen könnten, ist, dass wir offenbar Zeiten brauchen, wo wir nicht mit anderen zusammen sind und uns ausklinken können. Selbst wenn sich dann erstmal Langweile einstellt, kommt dann anscheinend doch irgendwann der Zeitpunkt, an dem wir anfangen kreativ zu werden oder etwas Neues zu lernen ...

Die Studie erschien in der Zeitschrift Frontiers in Psychology.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 5. Novmebre 2021