Neu gekauft, unverpackt

Die ganze Welt ertrinkt im Plastikmeer. Die ganze Welt? Nein, ein paar Läden gehen mit Einmachgläsern und Pfandsystemen gegen die Verpackungsflut an.

Tüten, Boxen, Netze: Nach dem Einkauf im Supermarkt quillt der Plastikmülleimer zu Hause schnell mal über. Dabei ist es egal, ob vorwiegend Äpfel, Reis oder Süßigkeiten im Einkaufskorb liegen. Neben einigermaßen nachvollziehbaren Großverpackungen kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wenn man im Internet nach skurrilen Verpackungen sucht. Neben einzeln eingeschweißten Kartoffeln und Bananen ploppen Bilder von Coladosen in Aluschalen und hart gekochten und geschälten Eiern auf, die einsam in ihren Plastikschalen liegen. In Zeiten, in denen Initiativen wie Fridays oder Parents for Future immer mehr Aufwind bekommen, greift man sich bei der einen oder anderen Verpackung schon an den Kopf.

Das haben sich auch einige Unternehmer_innen gedacht und so schießen in Deutschland (und anderen Ländern) immer mehr „Unverpackt Läden“ aus dem Boden. Dort bekommt man vieles von dem, was das Herz begehrt. In Deutschland war „Unverpackt- lose, nachhaltig, gut“ in Kiel der erste Laden, der den Verpackungsbergen den Kampf ankündigte. Die Kieler_innen konnten sich bei ihrer Gründung an verschiedenen Projekten aus dem Ausland orientieren, in denen sogenannte Bulk Stores schon länger florieren. Inzwischen gibt es immer mehr Läden, die in vielen Städten Produkte ohne Verpackung verkaufen. Auffällig ist, dass sich die verpackungsfreien Läden vor allem in Großstädten etablieren.

Abfüllen bis zum Abwinken
„Am besten laufen Haferflocken.“, meint Jana, die Auszubildende im Unverpacktladen „Tante Olga“.
Wer den Laden im Kölner Stadteil Sülz betritt, sieht sich einer Reihe von Plastikspendern gegenüber, aus denen sie oder er sich nach Herzenslust Linsen, Reis, Nudeln, Bohnen, Müsli und Ähnliches abfüllen kann. Dafür müssen zunächst die mitgebrachten Gläser gewogen und das Gewicht notiert werden - anschließend geht es ans Eingemachte -ähh, Getrocknete. Mithilfe verschiedener Trichter wird sichergestellt, dass sich Sesam und Co nicht über den gesamten Ladenboden verteilen. Ist das Bedürfnis nach Grundnahrungsmitteln gestillt, kann nach Herzenslust Knabberzeug oder Süßes in die Gläschen wandern. Und wer spontan dort ist oder doch noch eine andere Art Nüsse ausprobieren möchte, kann sich an den Gläsern bedienen, die andere Kund_innen im Laden gelassen haben. Oder man kauft sich eine wiederverwendbare Brotdose oder einen Lebensmittelbeutel und kann so auch das Pausenbrot zukünftig ganz ohne Einwegverpackung genießen. ;-)

Wie viele andere verpackungsfreie Läden auch, vertreibt Tante Olga hauptsächlich getrocknete Lebensmittel, ein paar Getränke und eine kleine Anzahl an Hygieneprodukten. Bei einigen Produkten, die aus hygienischen Gründen nicht ganz ohne Schutzschicht verkauft werden, wie Menstruationstassen, greift der Laden auf eine dünne Papierhülle zurück. Außerdem stehen manchmal auch einige alte Umzugskartons im Laden, die zu verschenken sind, schließlich müssen auch bei einem Umzug die Sachen kurzfristig in eine Verpackung gesteckt werden, die auf lange Sicht niemand braucht.
Die vielen trockenen Produkte werden in Köln in großen Papiertüten angeliefert. Große Gebinde aus Plastik kommen nur zum Einsatz, wenn es nicht anders geht, etwa bei sehr fettighaltigen Produkten. Ganz ohne Verpackungen und Plastik kommen also auch die Unverpackt Läden nicht aus. Nichtsdestotrotz entsteht durch einen großen 25 Kilogramm Sack Reis natürlich weniger Abfall, als durch 500 Gramm Verpackungen, oder gar Kochbeutel. Außerdem versuchen die Kölner_innen möglichst viel der Verpackungen, die sie bekommen, weiter zu verwenden.

Hafer statt Grünzeug

Aus den großen Papiertüten, die ohne zusätzliche Plastikhülle im Lager stehen, werden die Gläser und Gefäße im Laden befüllt, an denen sich die Kund_innen schließlich bedienen. „Ein Problem mit Ungeziefer gab es bisher noch nie“, beteuert Jana. Ob es tatsächlich die kleine Stufe ist, die in den Laden führt, oder ob sich Ratten, Mäuse und andere Tiere dann statt an Linsen, Bohnen oder Hafer doch lieber an Obst- und Gemüseresten, an Käse- und Fleischabfällen in den leicht zugänglichen Mülltonnen von Supermärkten bedienen, wer weiß.
Wer auf der Suche nach frischen Produkten ist, kann bei einem Unverpackt Laden auch mal leer ausgehen. Während man in einigen solcher Läden auch frische Produkte aus der Region kaufen kann, gehen Kund_innen, die in Köln ein paar Äpfel oder einen Salatkopf mitnehmen wollen, leer aus. Der Laden bietet stattdessen eine Abholstelle für eine Kölner SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft) an. Wer also dennoch Menschen mit grünen Büscheln in der Tasche aus dem Laden kommen sieht, sollte sich nicht wundern. :-)

Was genau die „Unverpackt Läden“ in ihr Sortiment aufnehmen, hängt offensichtlich von mindestens zwei Faktoren ab: Zum einen spielt der vorhandene Platz eine Rolle, bei wenigen Quadratmetern ist die Bandbreite an Produkten automatisch eingeschränkt. Zum anderen haben auch die Überzeugungen der Besitzer_innen immer Auswirkungen auf das Sortiment. So setzen einige der Unverpackt Läden auf ein (fast) komplett veganes Angebot, andere verkaufen auch tierische Produkte, die man sonst oftmals nur eingeschweißt bekommt.
Jana bezeichnet die kleine Auswahl an tierischen Produkten (Milch, Eier und Honig) als Kompromiss der drei Gründer_innen. Klar, wer einen Laden gründet, in dem man verpackungsfrei oder zumindest verpackungsarm einkaufen kann, macht sich  oftmals auch darüber hinaus Gedanken um Plastikvermeidung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit und kommt um Diskussionen vermutlich nicht herum. Die Mitarbeiter_innen bei Tante Olga erklären den Kund_innen bereitwillig, dass nur sehr wenige tierische Produkte in dem Laden vertrieben werden, da tierische Produkte in ihrer Produktion äußerst klimaschädlich sind.

Wer auf Käse, Fleisch und Eier nicht verzichten mag, muss also damit rechnen, für den Wocheneinkauf nach einem verpackungsfreien Laden noch einen Abstecher zu anderen Einkaufsmöglichkeiten zu machen.
Wer aber hauptsächlich auf der Suche nach Haferflocken, Nudeln, Reis, Bohnen oder Linsen ist, wird in den meisten Unverpackt Läden fündig. Einmal im konventionellen Supermarkt umgeschaut, wird einem auch schnell noch ein weiterer Punkt klar, wie die Unverpackt Läden zu ihrem Sortiment kommen. Gurken, Äpfel und Co gibt es schließlich vermehrt auch auf dem Wochenmarkt, im Bioladen oder Supermarkt ohne Verpackung. Dass inzwischen einige Bioläden darüber hinaus auch trockene Produkte zum selbst abfüllen anbieten, sieht Jana zwar positiv, merkt aber gleichzeitig an, dass keineswegs klar sei, in welchen Verpackungen die Produkte im Laden landen. Die Vorstellung, dass in Bioläden einige Mitarbeiter_innen damit betraut werden, 500 Gramm Beutelchen aufzuschneiden und in die Plastikspender zu füllen, ist tatsächlich deprimierend. Wer auf Nummer sicher gehen will, dass die Lebensmittel in möglichst großen Gebinden bei den Läden ankommen, ist mit einem Unverpackt Laden auf jeden Fall gut beraten.

Süßes und Salziges
Dass es bei Tante Olga neben Tee und einigen Süßigkeiten auch Schokolade, verschiedene Crunchy-Müslis oder Deocremes gibt, hängt nicht nur von den Mitarbeiter_innen des Unverpackt Ladens ab, die fleißig die Augen offen halten, um neue Produkte zu finden, sondern auch von Kund_innen, die immer wieder nach einem bestimmten Produkt ohne überflüssige Verpackung fragen. Dann heißt es für die Läden: Abwarten, diskutieren, rückmelden. Denn nicht alle Hersteller_innen sind dazu zubewegen, ihre Produkte auch unverpackt zu verschicken, oder vergessen manchmal, dass keine Flyer dabei liegen sollen. Dennoch: Was im Laden landet, wird meist auch schnell wieder verkauft. Etwas länger als Hafer stehen Tees oder Gewürze im Laden herum, schließlich kaufen die wenigsten Menschen mehr als ein paar Gramm Pfeffer. Was das Mindesthaltbarkeitsdatum (nicht zu verwechseln mit tödlich) überschritten hat, wird vergünstigt an die Kund_innen abgegeben.

Auch wenn die Idee, Lebensmittel individuell abfüllbar zu machen und so Plastikverpackungen einzusparen, erst einmal für alle offen ist, bleibt es fraglich, ob das Konzept "Unverpackt einkaufen" für alle Menschen umzusetzen ist. Dass Läden, die auf Verpackungen verzichten, oft am anderen Ende der Stadt liegen und die Preise eben doch deutlich höher sind als in konventionellen Supermärkten, macht die Läden für viele weniger attraktiv. Daher ist es wichtig, dass neben dem kompletten Verzicht auf Verpackungen auch an Alternativen zu Einmal-Hüllen, Plastik und Co geforscht wird. Der Kampf gegen den Verpackungsmüll hat gerade erst begonnen und noch haben die Unverpackt Läden einen weiten Weg vor sich, bevor sie ganz Gallien für sich erobert haben. ;-)

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Autorin / Autor: Karla Groth - Stand: . Juli 2019
 
 

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