Mitgefühl nur für die Richtigen

Forschung: Empathie ist eine wünschenswerte Eigenschaft. Empathische Personen finden wir aber nicht mehr so toll, wenn sie in unseren Augen mit den Falschen mitfühlen

Empathie ist in diesen Zeiten eine gefragte Eigenschaft. Sich in andere hineinversetzen, mitfühlen, Verständnis zeigen, sich solidarisch zeigen – das sind sehr wünschenswerte Charakterzüge und es scheint, dass wir empathische Menschen darum besonders schätzen.
Eine Untersuchung von Forscher_innen der US-amerikanischen University of California legt aber nahe, dass das so pauschal nicht stimmt. Denn Empathie ist offenbar kein Wert, den wir uneingeschränkt befürwortenswert finden. In Wirklichkeit ist es etwas komplizierter. Denn was ist eigentlich, wenn jemand total viel Verständnis und Empathie für einen Menschen hat, den wir selbst ganz und gar fragwürdig finden? Jemand, der den eigenen Werten komplett entgegensteht?

In ihrer Studie machten die Wissenschaftler_innen Experimente mit rund 3.000 freiwilligen Testpersonen. Ihnen wurden verschiedene Szenarien vorgestellt, in denen eine Person ein persönliches Erlebnis mit einer anderen hat. Mal waren diese Erlebnisse negativ (z.B. Stress bei der Arbeit), mal positiv. Die andere Person reagierte in den Szenarios mal positiv und empathisch, mal neutral. Die Testpersonen sollten nun diese andere Person bewerten. Wie sehr mögen sie diese Person, für wie warmherzig halten sie sie?

Mitgefühl für Rassisten?
Nun sollte man meinen, dass empathische Personen höher geschätzt würden oder auch für warmherziger gehalten werden. Es gab allerdings einen kleinen Trick in dem Experiment. Die Figur, die in dem Szenario ein positives oder negatives Erlebnis hatte, wurde den Testpersonen näher bekannt macht. Sie erfuhren z.B. in einigen Fällen, dass die Person für eine nationalistisch-rassistische Organisation arbeitet oder ein_e radikale_r Impfgegner_in ist.

Nun zeigte sich, dass die Testpersonen die empathische Person nur dann selbst positiv einschätzten, wenn sie auch die Person mochten, der das Mitgefühl galt. Wurde zum Beispiel ein Rassist nicht gemocht, dann gefiel den Testpersonen auch die Person nicht, die Empathie für ihn zeigte. Im Gegenteil, in einigen Studien wurde in dem Fall sogar eine negative Reaktion bevorzugt. 

Für die Forscher_innen zeigen die Ergebnisse, dass Empathie in den Augen der Betrachter_innen liegt und nicht immer und zwangsläufig eine angesagte Eigenschaft ist. Empathie und wem man sie entgegenbringe, sei ein soziales Zeichen, das zeige, für wen man sich einsetze und für was man stehe.

Auch wenn Empathie eine wünschenswerte Eigenschaft sei, sei sie kein Allheilmittel, um die Gräben zwischen den Menschen zu überbrücken. Wenn sich empathische Menschen zurückgewiesen fühlen würden, weil sie in den Augen anderer mit den falschen Menschen mitfühlten, könne das die Gräben sogar noch vertiefen, vermuten die Forscher_innen.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 2. November 2020