In 300 Jahren vielleicht

Autor: Tilman Röhrig

„Nicht alle können die Schüsse gehört haben. Wir müssen warnen.“ Er richtete den Oberkörper auf und schrie in alle Richtungen: “Soldaten!“

Oktober  1641:
Das Leben des 15 jährigen Jockel Markart ist Tag für Tag ein Kampf um das nackte Überleben.
23 Jahre lang wütet der Krieg schon über Europa und hat auch von dem kleinen Dorf Eggebusch nicht viel übrig gelassen.
Häuser liegen ruinenhaft und zerstört inmitten von brachliegenden Feldern.
Doch Jockels Familie gehört zu einer der wenigen Überlebenden, die das Dorf noch immer nicht aufgegeben haben.
Vorräte gibt es schon lange nicht mehr. Der Hunger ist allen zum ständigen Begleiter geworden, ein paar zwischen Diesteln hervorlugende Haferähren sind mittlerweile ein äußerst wertvoller Fund.
Ein Leben am Ende des Abgrunds also.

Inmitten dieser zerstörten und verwüsteten Welt wächst der Protagonist auf. Einfach und in einer klaren, sehr auf den Punkt gebrachten Sprache, lässt Tilman Röhrig den Leser an Jockels Gedanken und Gefühlen teilhaben.
Durch die ungetrübten Augen des Jugendlichen, berichtet er von den Schrecken des Krieges, als auch von Freundschaft, Geschwisterliebe und der Entdeckung erster Liebesgefühle gegenüber Katharina.
Dreh und Angelpunkt in dem im Jahr 1983 erstmalig erschienen Roman, ist das Motiv der Hoffnung, das in dem Wort „vielleicht“ eine immer wiederkehrende Komponente findet.
Über das ausgelassene Spielen der Kinder, von alltäglichen Handlungen, die eine gewisse Sicherheit und Routine vorgaukeln, bis hin zur Geburt eines weiteren Sohnes der Familie Markart, lassen sich die Dorfleute den Glauben an eine bessere Zeit und ein Ende des Krieges nicht nehmen.
Seinen Höhepunkt findet diese immer wieder neu aufflammende Hoffnung in einem zu Ehren des neugeborenen Kindes abgehaltenen Fest.
„Vielleicht“, wird zu mehr als einem vagen Wort der inneren Unsicherheit.
Es ist der Strohhalm, an den sich die Menschen verzweifelt klammern, die Möglichkeit des Überlebens und des wiederkehrenden Glücks.
Doch all diesen positiven Momenten zum Trotz, überwiegt ein Gefühl von Elend und Machtlosigkeit, dem eigenen Schicksal gegenüber.

„In 300 Jahren vielleicht“, stellt nicht nur das Leben zur Zeit des dreißigjährigen Krieges authentisch dar, vielmehr fängt es eine Atmosphäre von Verwüstung ein, die uns durch alltägliche Bilder in Fernsehen und Zeitung bruchstückhaft erschreckend bekannt vorkommt.

Gerade in Zeiten der medialen Informationsüberflutung, in denen auf Berichte über Bombenhagel auf Krankenhäuser die Lottozahlen folgen, ist es wichtig, sich das individuelle Leid der Betroffenen immer wieder vor Augen zu führen. Und genau das schafft dieses Buch. Es entflechtet einige Einzelschicksale aus dem riesigen Klumpen einer nichtssagenden Opferzahl, findet die Gesichter und Geschichten hinter den zahllosen Toten.

Daher ist der Roman, welcher vermutlich auch aus diesen Grümden im Jahr 1984 für den Jugendliteraturpreis überzeugen konnte, durchaus lesenswert. Das gilt gleichsam für Jugendliche, als auch für Erwachsene, denn der konstant spannungsreiche Plot, macht die ab und zu verwirrenden Wechsel von Zeitformen und Erzählperspektiven wieder wett.

Wer also noch keine Pläne für die Winterferien hat oder dem Regen vor der Tür mit einem guten Buch entkommen will, kann „In 300 Jahren vielleicht“ durchaus und mit gutem Gewissen zu seinem Leservorrat hinzufügen.

Erschienen ist das Buch als erste Sonderausgabe im Jahr 2017, mit einem Nachwort von Wolfgang Benz, im Arena Verlag und kostet 9,99€

Erschienen bei Arena 

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Autorin / Autor: Milena - Stand: 9. Januar 2019