Geographie für das Zusammenleben

Sabine Beißwenger ist Diplom-Geographin und arbeitet am ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund. LizzyNet erzählte sie, warum sie ihren Beruf liebt

Bild: Sabine Weck

War die Geographie immer schon Ihr Traumberuf? Wie sind Sie darauf gekommen, Geografie zu studieren?
Die Arbeit am  Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung macht mir in der Tat sehr viel Freude; ich mag es, mich mit vielseitigen Fragestellungen mit Bezug zu unserer räumlichen Umwelt zu befassen, mich mit Theorien über unsere Gesellschaft zu beschäftigen und mit Gedanken von vielen anderen Menschen konfrontiert zu werden. Zu meinem Studium der Geographie bin ich über kleinere Umwege gekommen: In der Schule habe ich mich gar nicht so sehr dafür interessiert. Dann habe ich angefangen, Ostasienwissenschaften zu studieren, und Bestandteil dieses Studiums waren auch Vorlesungen in Geographie. Mein Professor damals hat das so interessant gemacht, dass ich mich zu einem Wechsel entschlossen und dann an der Universität Bonn Geographie studiert habe. Es ist ein großes Institut in Bonn, mit vielen Lehrstühlen und vielen Möglichkeiten der Spezialisierung.

Welche Interessen und Fähigkeiten sollte man Ihrer Meinung nach haben, um an diesem Studium und diesem Beruf Spaß zu haben?
Das ist nicht leicht zu beantworten, denn das Studium der Geographie kann auf ganz unterschiedliche berufliche Pfade führen. Eine grobe Einteilung kann nach drei Bereichen vorgenommen werden: Humangeographie, Physische Geographie sowie Geographische Informationssysteme. Sehr vielfältige Interessen und Fähigkeiten können im Geographie-Studium gewinnbringend weiterentwickelt werden, das reicht von eher textanalytischen und kommunikationsorientierten Fähigkeiten über naturwissenschaftlich-experimentelle Fragestellungen bis zu Mathematik- und Programmier-Interessen.
Für meine konkrete Tätigkeit halte ich ein ausgeprägtes Interesse an gesellschaftlichen Prozessen und sozialwissenschaftlichen Methoden und ein gute Lese-, Analyse- und Schreibfähigkeit sowohl für deutschsprachige als auch für englischsprachige Texte für äußerst hilfreich.

In welchen Bereichen arbeiten Geograph_innen? Da gibt es doch sicher große Unterschiede...
Wie eben schon bemerkt, gibt es nicht den einen Beruf, zu dem man dann nach einem Geographiestudium überwechselt. Das hält einem viele Möglichkeiten offen, erfordert aber auch eine gewisse eigene Zielstrebigkeit und Profilentwicklung, wenn man sich nicht in der Vielzahl der Optionen verlieren möchte. Kommilitonen und Kommilitoninnen, die mit mir studiert haben sind heute in unterschiedlichen Bereichen tätig: Stadtentwicklung, Quartiersmanagement, Entwicklungszusammenarbeit, Energie-Consulting, Lehrberufe, Wissenschaft, Umweltplanungsbüros, Wissenschaftsmanagement etc.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf einer Geographin, bzw. speziell bei Ihrer Tätigkeit aus?
Ich kann da nur von mir sprechen: Das ist sehr unterschiedlich je nach Stand eines Forschungsprojektes. An manchen Tagen sitze ich den ganzen Tag im Büro vor meinem Rechner, befasse mich mit der Auswertung von qualitativen oder quantitativen sozialwissenschaftlichen Daten und versuche sie in einen später zu veröffentlichen Text oder Vortrag einfließen zu lassen. Ich recherchiere nach wissenschaftlichen Texten, die sich mit den für mich relevanten Themen befassen, lese diese, diskutiere sie mit Kolleginnen und Kollegen.

An anderen Tagen bin ich mit Kollegen oder Kolleginnen mit Datenerhebung befasst, wir führen dann Interviews mit Menschen, die uns zu unserer Fragestellung Auskunft geben können oder nutzen unterschiedliche Kanäle, um Fragebögen von relevanten Personengruppen ausfüllen zu lassen.
Und wieder andere Tage, dies allerdings nicht so häufig wie die eben genannten Tätigkeiten, sind mit Konferenzbesuchen und -vorträgen belegt. Letzten Monat bspw. habe ich an einer Konferenz in Glasgow teilnehmen können und die bisherigen Ergebnisse aus unserem aktuellen Projekt vorgestellt – das ist immer sehr interessant, Feedback zur eigenen Arbeit zu bekommen und zu sehen, an welchen Themen andere gerade arbeiten.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf gern - und was gar nicht?
Am meisten schätze ich an meiner Tätigkeit die Freiheit, mit der ich, zusammen mit Kolleginnen und Kolleginnen, ein Forschungsprojekt konzipieren und umsetzen kann. Bislang habe ich noch nichts gefunden, was ich nicht mag, allerdings ist es schon so, dass man mit begrenzten zeitlichen und finanziellen Ressourcen und auch mit dem eigenen begrenzten Wissen immer wieder das Gefühl hat, den sehr komplexen gesellschaftlichen Prozessen nicht gerecht werden zu können.

Woran arbeiten Sie aktuell? Und was ist für Sie persönlich das Spannende daran?
Zur Zeit arbeite ich in einem Projektteam, das sich mit Fragestellungen zu Sozialer Mischung, Sozialen Netzwerken und Begegnungen in innerstädtischen Quartieren beschäftigt. Vereinfacht könnte man vielleicht sagen: Es geht darum, zu untersuchen, ob unterschiedliche Menschen, die gemeinsam in einem Stadtteil leben auch im Alltag etwas zusammen tun, wie beispielsweise sich in der Nachbarschaft helfen, gemeinsame Schulfeste organisieren, sich auf dem Spielplatz austauschen u. ä. oder ob sie aus unterschiedlichen Gründen eher entlang von bestimmten Gruppengrenzen nebeneinander her leben.
Für mich gibt es zwei besonders spannende Aspekte an dieser Forschung: Zum einen ist das die Fragestellung, an welchen Orten in einem Quartier Menschen tatsächlich in Austauschprozesse auch mit ganz unterschiedlichen Menschen eintreten. Zum Zweiten ist es spannend, zu erforschen, welche Rolle ganz kurze Begegnungen, auch und besonders zwischen Unbekannten, für die Atmosphäre und die Interaktion im Quartier spielen können.

Sie sind ja auch als Wissenschaftlerin in der "Forschungsbörse" für das Wissenschaftsjahr  2015 - Zukunftsstadt tätig. Was versprechen sie sich davon?
Das Thema des Wissenschaftsjahres 2015 „Zukunftsstadt“ ist eine gute Gelegenheit, um die Forschung unserer und anderer raumwissenschaftlicher Forschungseinrichtungen einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen und mit Interessierten in einen Dialog über aktuelle Fragestellungen einzutreten. Mit „Stadt“ hat jeder unweigerlich zu tun, selbst wenn man auf dem Land lebt, wird man meist hin und wieder eine Stadt aufsuchen wollen oder müssen. Es gibt viele aktuelle Aufgaben, denen sich Städte stellen müssen – der Gestaltung von demographischem Wandel, ggf. den Herausforderungen durch angespannte städtische Haushalte, der Integration von Neuzuziehenden, seien es Flüchtlinge oder hochqualifizierte Arbeitnehmer und vieles mehr. Besonders der Austausch mit jungen Menschen im Rahmen dieses Wissenschaftsjahres und durch die Forschungsbörse würde mich freuen, denn Entscheidungen zu städtischen Entwicklungen werden häufig für einen längerfristigen Zeitraum getroffen und müssen dann noch von der nächsten Generation mitgetragen oder ggf. auch korrigiert werden.

Vielen Dank für das Interview!

Autorin / Autor: Sabine Beißwenger /Rosi Stolz - Stand: Mai 2015
 
 

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