Entsorgungsingenieurin

Faezeh Abbasi ist Ingenieurin im Bereich nukleare Entsorgung und arbeitet bei der Atomaufsicht. Im Interview gibt sie Einblick in einen Beruf, der vielen Vorurteilen ausgesetzt ist

Ingenieurin im Bereich nukleare Entsorgung – wie reagieren die Leute, wenn Sie ihnen mitteilen, welchen Beruf Sie haben?
Die Leute sind immer interessiert, weil man solche Berufe selten antrifft. Viele können damit nichts anfangen. Negative Reaktionen von Kernkraft-Gegnern habe ich nie bekommen, denn wir haben schließlich ein klares politisches Ziel, was die Kernenergie in Deutschland angeht.

Welchen Vorurteilen gegenüber dem Beruf begegnen Sie in der Regel?
Dass ich einen gefährlichen Job habe und Strahlung abbekomme.

Und was antworten Sie darauf?
Ich erkläre die hohen Sicherheitsanforderungen in der Kerntechnik und dass die Dosis, die man über natürliche Strahlung bekommt, deutlich höher ist als das, was ich durch meine Tätigkeit bekomme.

Was hat Sie zu dem Beruf geführt? War das schon immer Ihr Traumberuf?
Als Entsorgungsingenieurin fand ich es spannend, eine Lösung für die Entsorgung von radioaktiven Abfällen zu finden. Mit der Thematik habe ich mich schon in meinem Studium beschäftigt. Ich habe mich gefragt, wie man die radioaktive Abfallmenge reduzieren kann. So habe ich mich entschieden, in dieser Thematik zu promovieren. In meiner Promotionszeit habe ich mich vier Jahre lang mit Kernphysik und nuklearer Simulation beschäftigt, um die radioaktive Abfallmenge für einen Forschungsreaktor zu berechnen und damit die Rückbauplanung effizienter gestalten zu können. Ein großer Teil der Strukturen und Komponenten fällt nicht unter radioaktive Abfälle und es macht Sinn, mit einem Berechnungsverfahren die Grenze zwischen „radioaktiv“ und „nicht radioaktiv“ vorab bestimmen zu können.

Was fasziniert Sie an der Kerntechnik?
Die komplexe Physik dahinter und wie man durch mikroskopische, kernphysikalische Prozesse die makroskopischen Zusammenhänge erklären kann. Die hohe Anforderung an die Technik und gleichwohl die gesellschaftliche Komponente und die Diskussion um diese.

Wie wird man Nuklearingenieurin oder Nuklearingenieur?
In erste Linie muss man sich dafür interessieren. Es gibt viele Möglichkeiten, sich in diesem Bereich zu vertiefen. Ich habe im Rahmen meiner Promotion als Quereinsteigerin damit begonnen und das hat wunderbar funktioniert. Die anderen Doktoranden haben allerdings vorher Physik oder Informatik studiert.

Welche Fächer gehören zum Studium?
Zum Entsorgungsingenieurwesen gehören fundierte ingenieurwissenschaftliche Grundlagen wie die Verfahrenstechnik, Bauingenieurwesen, Elektrotechnik, Geowissenschaften, Thermodynamik usw. Zur Kerntechnik werden fundierte Vorlesungen im Bereich Kernphysik, Reaktortechnik, Reaktorsicherheit und Computational Engineering angeboten.

Welche Voraussetzungen sollten Schülerinnen und Schüler mitbringen?
Mitbringen sollte man Interesse am interdisziplinären Arbeiten, und nicht nur Interesse an Technik sondern deren Wirkung auf die Umwelt. Ein Hang zu umweltbewusstem Verhalten und nachhaltigem Wirtschaften hilft, die Motivation beizubehalten. Umweltingenieure entwickeln Lösungsansätze für die umweltrelevanten Herausforderungen unserer Zukunft. Das ist hochinteressant! Für den Bereich Kerntechnik braucht man noch mathematisch-physikalisches Interesse und eventuell Lust, mit den Computerprogrammen zu arbeiten. Es ist faszinierend, wie man die kernphysikalischen Prozesse mit den Bildern erklären kann.

Und wie ist der Einsatzbereich? Wo kann man später mit diesem Studium arbeiten?
In sehr vielen Industriebereichen, bei Behörden, Gutachterorganisationen und NGOs. Der Einsatzbereich ist sehr groß und es hängt viel davon ab, wie man sich im Laufe des Studiums vertieft hat. Alle meine Kommilitonen haben direkt nach dem Studium einen Job bekommen. Umweltingenieure werden auf Grund ihres technischen Sachverstands und der ökologischen Urteilskraft immer stärker gesucht. In der Kerntechnik brauchen wir noch Ingenieure, vor allem für den Rückbau. Das ist eine Mammutaufgabe, die langfristig betrachtet werden muss.

Und in welchem Bereich arbeiten Sie?
In der Atomaufsicht. Ich beaufsichtige den Rückbau des Forschungsreaktors, für den ich die Simulationen durchgeführt habe. Ich habe das Glück, dass ich Theorie und Praxis direkt verbinden kann.

Was sind dabei die Dinge, die Ihnen besonders Spaß machen?
Mich mit der Technik auseinander zu setzen, mit dem Betreiber und Gutachtern kommunizieren und darauf aufzupassen, dass der Rückbau nach Recht und Gesetz abläuft.

Und was finden Sie an Ihrem Beruf manchmal störend, langweilig oder nervig?
Die Berichterstattung über das Thema „Kerntechnik“ in den Medien. Die Kritik ist notwendig und gewollt, aber sie muss sachlich geführt werden und nicht emotional. Die Angst, die durch die Medien an die Gesellschaft herangetragen wird, finde ich persönlich unverantwortlich.

In den Ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen allgemein ist der Frauenanteil ja schon nicht besonders hoch. In der Kerntechnik wird er ja wohl noch geringer sein. War oder ist das für Sie ein Problem?
In meinem Studium habe ich das Problem nicht gehabt. Die Fakultät hat bei uns den Studiengang Entsorgungsingenieurwesen in „Umweltingenieurwesen“ umbenannt. Danach haben sich mehr Frauen eingeschrieben, obwohl sich inhaltlich nichts geändert hat. Ich glaube, Frauen sollen sich mehr Technik zutrauen. In meiner Promotionszeit war ich die einzige Doktorandin. Mir ist es wichtig, in meinem Job engagierte Kollegen zu haben, auf das Geschlecht achte ich nicht.

Wie würden Sie Mädchen darin bestärken, einen solchen Beruf zu ergreifen?
Ingenieurwissenschaftliche Studiengänge sind faszinierend und längst keine Männerdomäne mehr. Die Berufschancen sind erstklassig, man kann sich den Job nach dem Abschluss selber aussuchen. Es gibt mittlerweile ausreichend ingenieurwissenschaftliche und technische Studienangebote, die sehr viel mit der Gesellschaft, Recht und Politik verbinden. Die Mädchen sollen keine Scheu haben, wenn sie Interesse an Technik haben, aber nicht nur das machen möchten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Eine aufgeschlossene und weniger emotionale Diskussion über die Energie- und Klimapolitik und zwar nicht nur in Deutschland. Was wollen wir uns leisten, wie können wir uns das leisten und wie wollen wir das angehen. Wir brauchen eine gut ausgebildete Generation für die neuen Herausforderungen. Wir brauchen engagierte Leute, die sich für die Energieversorgung der Zukunft einsetzen. Dabei sollte keine Rolle spielen, von wem die Ideen hervorgebracht werden.

Vielen Dank für das Interview!

Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 26. April 2016
 
 
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