Die Sonne, so strahlend und Schwarz

Autorin: Chantal-Fleur Sandjon

Nova fängt neu an. Endlich, endlich kann sie neu anfangen, gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Cosmos und ihrer Mutter. Und mit dem Gips am Arm, der sie an ihr altes Leben erinnert. Das alte Leben, das ihr noch so tief in den Knochen sitzt und ab und zu auf dem Handybildschirm erscheint. Das Leben, das sich in den mal langsamer und mal schneller geleerten Weinflaschen ihrer Mutter findet.

Aber trotz der Erinnerungen an das, was war, fängt ihr neues Leben an, in ihr zu blühen. Mit Mitra und Cosmos, mit Felix und vor allem mit Akoua, die sie schon im ersten Moment mit ihrem Strahlen erwärmt. Akoua, die in der Eisdiele Kugeln schichtet und neben ihrer Ausbildung tanzt. Akoua, die ihren Schmerz darüber teilt, was queeren, Schwarzen Menschen in Deutschland passiert. Akoua, der sie trotzdem nicht so richtig von dem erzählen kann, was davor war. Denn Worte sind nicht so einfach zu greifen, wenn es um etwas Unaussprechliches geht.

Chantal-Fleur Sandion nimmt sich in ihrem Roman große Themen vor. Sie schreibt von häuslicher Gewalt (das wird auf den ersten Seiten bereits klar, daher hier nur ein kleiner Spoiler ;-)) und von einer Protagonistin, die so viel stärker ist, als sie selbst glaubt. Die vielleicht auch so stark sein muss, weil junge, queere Schwarze Frauen in Deutschland es nicht unbedingt einfach haben.

Nova ist stark und verletzlich. Sie sehnt sich nach dem Neuen, dem Unbekannten, dem guten Leben, das noch kommen wird und versucht Vergangenes abzustreifen wie eine zu eng gewordene Jeans. Und trotz ihrer eigenen Probleme, ist sie da, ist empathisch und schenkt anderen Menschen ein offenes Ohr und ein Teil ihres Herzens. Das ist bewundernswert und man bekommt als Leser_in einen tiefen Einblick in ihre Gefühlswelt, fühlt Schmerz und Freude mit der Protagonistin im Ansatz mit.

Und beschäftigt sich mit der Frage, was ist, wenn das Vergangene dich immer wieder einholt? Sandion beschreibt den Kampf darum, das Schöne, das Gute, das Glückliche nicht (aus den Augen) zu verlieren, selbst dann nicht, wenn alles ausweglos scheint. Diese Botschaft finde ich ganz wunderbar. Nicht nur auf einem individuellen Level, auch global.

Sehr besonders an diesem Buch ist die Art und Weise, wie es geschrieben und gedruckt wurde- es handelt sich um einen Versroman. In der Form spiegeln sich Novas Gefühle und Wünsche, ihr Glück und ihr Schrecken wider. Mal sind die Worte dicht gedrängt auf einer Seite, mal kringeln sie sich und dann steht eines auf weiter Flur.

Ich kann das Buch allen empfehlen, die starke Protagonist_innen mögen und Lust auf einen abwechslunsgreichen Roman haben, der eine ganze Wagenladung aktueller Themen behandelt.


Erschienen bei Thienemann

Autorin / Autor: Johanna94 - Stand: 19. September 2022