Die Mitte der Welt

Autor: Andreas Steinhöfel

Die siebzehnjährigen Zwillinge Phil und Dianne leben mit ihrer chaotischen Mutter Glass in Visible, einer alten, abgelegenen Villa, in der sie zusammen aufgewachsen sind. Visible birgt viele Geheimnisse und Erinnerungen aus ihrer Kindheit und ist ein magischer, aber düsterer Ort. Glass hat mit achtzehn Jahren Amerika verlassen, Phil und Dianne zur Welt gebracht und sich mit ihrer Kleinfamilie ein abgeschottetes Leben in Visible aufgebaut. Phil und Dianne wissen nicht, wer ihr Vater ist und weshalb Glass seinen Namen verheimlicht. Als Kinder haben sie sich stets nach einem „richtigen“ Vater gesehnt, doch Glass pflegte ständig wechselnde Beziehungen, die oft nur Tage oder Wochen anhielten. Phils Onkel Gable, ein Seefahrer, der die Weiten der Ozeane auf seinen Reisen kennengelernt hat, ist seine einzige männliche Bezugsperson, doch auch er kann den fehlenden Vater nicht ersetzen. Seit einiger Zeit ist die Beziehung zwischen Dianne und Glass angespannt; überhaupt wechseln die beiden nur noch wenige Worte miteinander. Auch dies ist ein relevantes Thema in Phils Leben, denn seine Schwester hat sich auf rätselhafte Weise in den letzten Jahren immer weiter von der Familie distanziert. Eine andere wichtige Person in Phils Leben ist Tereza, die lesbische Freundin von Glass, in ihrer Funktion als Ersatzmutter für ihn und Dianne. Seine beste Freundin Kat, die Tochter des Schuldirektors, ist Phils einzige Vertraute - bis er sich in den neuen Mitschüler Nicholas verliebt. Und damit beginnt eine schwierige Zeit, in der er mit sich selbst und seiner erwachenden Homosexualität, aber auch mit allgemeinen Problemen des Erwachsenwerdens konfrontiert wird.

Phil erzählt seine Geschichte in der ersten Person und es erfolgen immer wieder Rückblicke in seine Kindheit, die dem Leser verstehen helfen, inwiefern vergangene Ereignisse an seiner Persönlichkeitsbildung Anteil haben. Geheimnisse wie der Grund für die Funkstille zwischen Dianne und Glass oder die Identität des unbekannten Vaters werden erst auf den letzten Seiten des Romans aufgedeckt. Hier beginnt letztlich der Prozess des Erwachsenwerdens für Phil, dem es gelingt, sich von seiner Familie zu lösen, indem er selbst nach Amerika aufbricht. Dennoch bleiben Glass, Dianne und die Villa Visible im Fokus seines Weltbilds.

Für mich war der Roman spannend zu lesen, denn Phil erscheint als Antiheld, der von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Mit seinen Problemen steht er alleine da - seine Mutter zeigt kein Interesse daran, ihm zu helfen. Die beschriebenen Rückblicke wiederum gefielen mir weniger, da sie aus meiner Sicht häufig etwas langatmig ausgeführt waren, was das Lesen anstrengend gestaltete. Die Handlung in der Gegenwart wird hier regelmäßig unterbrochen, oft an sehr spannenden Stellen. Nichtsdestotrotz fand ich mich schnell in die Erzählweise ein und hatte mich in der zweiten Hälfte bereits an das Konzept gewöhnt. Zu Beginn  fühlte ich mich etwas verwirrt und desorientiert, da Visible ganz ohne Zeit- und Ortsangaben beschrieben wird, doch dieser Eindruck war bald verflogen und letzten Endes erschien deren Fehlen nicht mehr bedeutsam, da ich mir im Kopf selbst ein Bild von der Villa ausgemalt hatte. Irritierend fand ich außerdem, dass im Laufe des Romans eine große Anzahl  von Nebenpersonen eingeführt wird – teils kurze Begegnungen aus Phils Erinnerungen –, deren Bedeutung sich nicht so recht erschließen will. Konzentriertes Lesen wird damit zum Muss, was die unbeschwerte Freude am Roman etwas vermindert. Eine Urlaubslektüre für den Strand oder eine lange Zugfahrt ist „Die Mitte der Welt“ jedenfalls nicht.

Die zentralen Themen des Romans sind neben Phils Erwachsenwerden seine erfolglose Vatersuche sowie die fehlende Kommunikation innerhalb seiner Familie. Phils Homosexualität verstärkt zwar die Abgrenzung seines Mikrokosmos vom Rest des Dorfes, jedoch wird diese nicht in den Mittelpunkt gestellt. Steinhöfel selbst erklärt in seinem Kommentar am Ende, dass er „Die Mitte der Welt“ am ehesten als Bildungsroman bezeichnen würde. Besonders interessant fand ich seine Anmerkungen zu Phils Geschichte, da man die Handlung aufgrund der fehlenden Angaben bezüglich Raum und Zeit auf verschiedene Arten und Weisen verstehen kann. Die exzentrischen Charaktere und unendlich groß erscheinenden Räume der in die Jahre gekommenen Villa Visible faszinierten mich, ließen mich aber auch mit Fragen zurück, die bis zum Schluss unbeantwortet blieben. Das Buch bietet damit enormen Spielraum für Interpretation und hat wohl für jeden Leser seine eigene, individuelle Bedeutung.

Die Wortwahl des Romans ist gehoben – teilweise etwas geschraubt – und Steinhöfel verwendet viele sprachliche Bilder wie Metaphern. Auch überfordern manche unerwarteten und schockierenden Geschehnisse möglicherweise jüngere Leser. Daher würde ich den Roman kaum dem Genre der Kinder- und Jugendliteratur zuordnen, sondern eher älteren Jugendlichen und Erwachsenen ans Herz legen. Eine gewisse Lebenserfahrung und Reife sind wohl vonnöten, um sich in die Handlung einzufinden und Missverständnisse zu vermeiden.

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Autorin / Autor: luck2000 - Stand: 28. Februar 2018