Stell dir vor, alles, was du schreibst, könnte gelesen werden. Könnte gefühlt und wiedergegeben werden.
Monica ist eine junge Informatikstudentin, die an EMBRS mitarbeitet, einem Projekt, das Daten aus allen möglichen sozialen Netzwerken auslesen und Menschen zusammenbringen soll. Das ist zumindest das Ziel ihres Professors: Menschen zusammenbringen, die in ihren Tagebucheinträgen auf EMBRS vom Sehnen und Hoffen schreiben und die zueinander passen.
Der Prototyp eignet sich vor allem, um große Mengen frei zugänglicher Daten nach bestimmten Schlagwörtern zu durchsuchen. Und so nutzt Monica EMBRS, um Meng, die Cousine ihrer Großmutter, zu suchen. Denn Monica ist nicht nur Studentin, sie ist auch Enkelin. Und es gibt wenig, was sie für ihre Großeltern nicht tun würde.
Daher ist ihre Enttäuschung groß, als sie es zwar tatsächlich schafft, über EMBRS Kontakt zu Louise aufzubauen, einer jungen Frau, die Meng in Shanghai getroffen hat, aber alles, was Louise von ihr mitbringt, ein alter Bleistift ist.
Monicas Großmutter Yun ist in Shanghai aufgewachsen. Ihre Mutter hat eine Pencil Company geführt, ihr Vater war kaum da. Und dann war da plötzlich Meng mit ihrer Mutter. Ihre Tante und ihre Cousine, die nach Shanghai gezogen sind und ihre eigene Bleistiftmanufaktur hinter sich gelassen haben. Die beiden Mädchen haben anfangs Schwierigkeiten miteinander. Da scheint ein Geheimnis zu existieren, von dem alle außer Yun wissen und es macht sie rasend. Und dann sind da natürlich noch die Konflikte außerhalb ihres Hauses. Denn Shanghai in den 1940ern – das ist keine friedliche Zeit. Erst kämpft China gegen Japan, dann bekämpfen sich die Kommunisten und die Kuomintang. Und alle wollen Informationen. Was sagen die anderen, was schreiben sie? Doch wie soll man das herausfinden? Und dann ist Yun das erste Mal dabei, als Meng einen Bleistift restauriert. Keine Botschaft ist mehr geheim, kein Gefühl, keine Idee, kein Liebesgeständnis, keine klandestine, aufständische Aktion. Die Mine speichert alles und die Frauen hinter der Phoenix Pencil Company können mühelos wiedergeben, was ihre Bleistifte geschrieben haben.
All der Schmerz, all die Zweifel, all die Reibereien zwischen Meng und ihr: Yun schreibt und schreibt und schreibt. Denn ihre Gedanken fliehen vor ihr und sie weiß nicht, wie lange sie sich noch an ihren Ehemann und ihre Enkelin erinnern kann. Und an all die Dinge. Die, die sie getan hat und die, die sie versäumt hat.
Monica hingegen programmiert gegen den Schmerz an, ihre Großmutter immer weiter schwinden zu sehen. Sie verändert EMBRS. Macht es präziser, genauer, hungriger. Und schreibt Louise. Dieser so offenen und doch so geheimnisvollen Frau, die ihr Mengs Bleistift gebracht hat und die Monica einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen will.
Allison Kings Roman besteht aus Tagebucheinträgen. Größtenteils wechseln sich die Tagebucheinträge von Monica mit denen von Yun ab. So schwebt die Geschichte zwischen den USA und Shanghai, den 1940ern und den 2010ern. Zwei Frauen, zwei so unterschiedliche Leben, aber das, was sie verbindet, ist Liebe. Und Bleistifte.
Mir haben diese Wechsel gut gefallen. Dadurch wurden immer wieder kleine Überraschungen aufgedeckt, aber es blieb zeitgleich geheimnisvoll. Die magische Komponente des Buchs hat zwar etwas Fantastisches, gleichzeitig wird das Prinzip durch Monicas Arbeit an EMBRS auch für die reale, moderne Welt greifbar.
Monica und Yun sind sehr vielschichtig geschrieben, aber auch die anderen Charaktere werden dank der wechselnden Beiträge gut greifbar.
Ich finde es außerdem schön, etwas über queere Liebe zu lesen, ohne dass der damit leider immer noch verbundene gesellschaftliche Struggle alleine im Mittelpunkt der Geschichte steht. Hier geht es vielmehr um Familie, um Geheimnisse und Daten. Um die Geschichte Taiwans und eben auch um Liebe. Das finde ich schön.
Einziger Wermutstropfen ist für mich, dass ich stellenweise einige Charakterentwicklungen (vor allem rund um Louise) nicht nachvollziehen konnte und dadurch gen Ende hin für mich alles sehr plötzlich kam. Aber vielleicht habe ich da einfach nicht aufmerksam genug zwischen den Zeilen gelesen.
Erscheint am 16.4.2026 bei Heyne
Autorin / Autor: Karla - Stand: 27. Mai 2026