Autorin: Ursula K. Le Guin
In der Neuübersetzung von Karen Nölle
Die Tage vor der Revolution ist für mich ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern mit dem man in einen stillen Dialog tritt. Der Band versammelt 25 Kurzgeschichten, die in sehr unterschiedlichen Welten spielen und doch immer wieder um grundlegende Fragen kreisen: Wie wollen wir zusammenleben? Wer trägt Verantwortung für Ideen, die größer werden als ihre Urheberinnen und Urheber? Und was geschieht, wenn gesellschaftliche Entwürfe auf reale Menschen treffen?
Besonders prägend für meine Lektüre war Le Guins Einleitung „Science Fiction lese ich nicht“. Der provokante Titel greift eine verbreitete Abwehrhaltung gegenüber dem Genre auf und begegnet ihr mit ruhiger Ironie und großer Klarheit. Le Guin verteidigt Science Fiction nicht, sondern öffnet sie: als literarischen Möglichkeitsraum, in dem sich politische, soziale und moralische Fragen verhandeln lassen, ohne sie festzuschreiben. Diese Einleitung wirkt wie ein Schlüsseltext. Sie verändert den Blick auf die folgenden Geschichten und macht deutlich, dass es Le Guin nicht um Zukunftstechnik oder Eskapismus geht, sondern um Erkenntnis.
Die Einleitung, aber auch das gesamte Buch, hat meinen persönlichen Blick auf Science Fiction deutlich verändert. Bisher hatte ich Science Fiction oft als „Science Fiction um der Science Fiction willen“ wahrgenommen – als ein Genre, das vor allem von technischen Ideen oder Zukunftsentwürfen lebt. Durch Le Guins Texte sehe ich Science Fiction nun vielmehr als einen literarischen Erlebnisraum: als ein spannendes Genre, in dem gesellschaftliche, politische und menschliche Fragen auf besonders vielschichtige Weise verhandelt werden können.
Die Kurzgeschichten selbst sind leise, konzentriert und oft bewusst unspektakulär. Große dramatische Höhepunkte fehlen, stattdessen stehen Beobachtungen, Gespräche und innere Konflikte im Mittelpunkt. Le Guin zeigt, wie kleine Verschiebungen in gesellschaftlichen Strukturen oder kulturellen Normen große Auswirkungen haben können. Viele Texte enden offen, manchmal beinahe beiläufig – und gerade dadurch wirken sie lange nach. Als Leserin hatte ich immer wieder das Gefühl, dass die eigentliche Bewegung der Geschichten erst nach dem Lesen beginnt.
Gleichzeitig war die Lektüre auch mit Irritationen und Herausforderungen verbunden. In die erste Geschichte, die für eine Kurzgeschichte relativ lang ist, musste ich mich zunächst hineinfinden. Weder Situation noch Umgebung werden zu Beginn eindeutig beschrieben, vieles bleibt offen oder nur angedeutet. Das verlangte ein langsames Lesen, Nachdenken, Reflektieren und auch das erneute Lesen einzelner Passagen, um die Bedeutungen zwischen den Zeilen zu erfassen. Gerade diese Offenheit empfand ich jedoch nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Das Format der Kurzgeschichten macht es möglich, sich Zeit zu nehmen, Texte wirken zu lassen und ihnen mit Aufmerksamkeit zu begegnen.
Besonders bewegend ist Le Guins Sprache. Sie ist klar, zurückhaltend und von einer stillen emotionalen Kraft. Ohne Pathos und ohne erklärende Überdeutlichkeit entstehen Nähe und Tiefe zwischen den Zeilen. Ihre präzise, ruhige Sprache trägt die Geschichten und verleiht selbst kurzen Texten Gewicht. Gefühle wie Einsamkeit, Zweifel oder Hoffnung werden nicht ausgestellt, sondern behutsam erfahrbar gemacht. Le Guin vertraut darauf, dass ihre Leserinnen und Leser Bedeutungen selbst erschließen – ein Vertrauen, das das Lesen intensiv und persönlich macht, aber auch Offenheit, Konzentration und Eintauchvermögen erfordert.
Im Umgang mit ihren Figuren zeigt sich eine ähnliche Haltung. Sie sind keine bloßen Träger von Ideen, sondern widersprüchliche, begrenzte Menschen. Le Guin urteilt nicht, sie erklärt nicht zu viel, sie lässt offen. Dadurch wirken ihre Geschichten menschlich und glaubwürdig, selbst in den fremdesten Welten.
Empfehlen würde ich Die Tage vor der Revolution vor allem Leserinnen und Lesern, die Literatur schätzen, die zum Nachdenken anregt und Geduld verlangt. Besonders geeignet ist der Band für Menschen, die Science Fiction bislang skeptisch gegenüberstehen, ebenso wie für alle, die sich für gesellschaftliche, politische oder philosophische Fragen interessieren und diese lieber erzählerisch als theoretisch erkunden. Wer schnelle Handlung und klare Auflösungen sucht, wird hier möglicherweise enttäuscht. Wer sich jedoch auf Le Guins leise, bewegende Sprache einlässt, findet ein Buch, das den Blick auf Science Fiction – und auf Literatur insgesamt – nachhaltig verändert.
Erschienen bei TOR
Autorin / Autor: Hannah K. - Stand: 7. Januar 2026