Der Onyxpalast - Wo die Toten tanzen

Autorin: Stefanie Lasthaus

Gwen ist am Boden zerstört, als ihr Bruder Vander überraschend verstirbt. Als Polizist soll er im Dienst auf eine Weise umgekommen sein, die nicht stimmig erscheint und Fragen aufwirft. Als dann zu allem Überfluss auch noch ein Fremder auftaucht und Gwen sowie ihre Familie bedroht, scheint alles immer nur noch schlimmer zu werden. Bisher war es Vander, der Probleme solcher Art aus der Welt schaffen konnte. Kein Wunder also, dass Gwen nicht lange zögert, als ihr die Möglichkeit eröffnet wird, in das Reich der Toten hinabzusteigen und ihren Bruder zurückzuholen. Mithilfe eines alten Freundes schafft sie als Lebende den Übergang und findet sich plötzlich in Annwyn wieder, dem walisischen Jenseits. Dort ist ein rauschender Ball im sogenannten Onyxpalast im Gange, der eine Art Übergangszeremonie für die Verstorbenen darstellt. Gwen muss hier nun nicht nur verschleiern, dass sie noch lebt, sie muss auch versuchen, in diesem gigantischen Palast ihren Bruder wiederzufinden, bevor der Ball endet. Sie hat außerdem die Rechnung ohne Aran gemacht, den Herrn von Annwyn, von dem sie mehr als nur ein bisschen fasziniert ist – was auch noch auf Gegenseitigkeit zu beruhen scheint. Gwen muss sich also bald eingestehen, dass das Ziel, ihren Bruder ins Reich der Lebenden zurückzubringen, vielleicht nicht mehr ihr einziges ist …

Meine Meinung zum Buch

Puuuh. Also. Ich fange am besten mal mit den positiven Aspekten an, wie man das eben so macht, bevor ich leider auch einige negative Aspekte beleuchten muss. Zunächst einmal: Der Anfang des Buches hat mich total gekriegt. Ich fand ihn super spannend, einen tollen Einstieg und habe richtig Lust auf das Buch bekommen. Der Übergang in die Totenwelt und die Beschreibungen des Balls haben mir ebenfalls gut gefallen. Der Palast und Annwyn waren so anschaulich dargestellt, dass in meinem Kopf ein sehr gutes Bild von der Unterwelt entstanden ist. Das World-Building fand ich insgesamt ohnehin recht gelungen, auch der Schreibstil hat mir größtenteils zugesagt. Außerdem fand ich es wirklich unterhaltsam, davon zu lesen, was für Wesen in der Unterwelt neben den Göttern und den Verstorbenen noch so unterwegs sind. Da muss ich die Autorin wirklich für ihren Ideenreichtum (und/oder die Nutzung walisischer Mythologie, in der ich mich leider nicht auskenne) loben. Auch die Detailverliebtheit und die ausführlichen Beschreibungen an vielen Stellen waren beeindruckend. Allerdings gab es eben auch so einiges, was mir bei der Lektüre Probleme bereitet hat (nachfolgend wird es Spoiler geben).

Dadurch hat mich die Geschichte leider Stück für Stück verloren. Ich wusste die ganze Zeit nicht so recht, welchen Charakter Gwen eigentlich hat. Sie denkt logischerweise viel darüber nach, dass sie nicht auffliegen darf und macht sich Gedanken um ihren Bruder. Legitim. Aber dann gerät sie auf dem Ball prompt ins Visier der Wachen des Palastes (weil sie nicht tanzen will und sich etwas umsieht – hat das echt noch nie jemand gemacht?!) und wird verdächtigt, etwas Krummes vorzuhaben. Mission failed – aber stört sie das so wirklich? Nein. Dabei war es doch ihr Plan, kein Aufsehen zu erregen. Das muss man erst mal schaffen, unter Tausenden Toten so herauszustechen, dass man direkt eines Komplotts verdächtigt wird. Dafür zeigte sie für mich viel zu wenig Emotionen in dieser Situation (und in einigen anderen auch). Ebenso war es bei Aran und fast allen Nebenfiguren – sie waren mir einfach zu blass. Es kommen mehrere Göttinnen und Götter vor, und bis auf Hades und Lira haben sie nicht wirklich Eindruck auf mich gemacht. Vom Verhalten her hätten Hel und Kore auch gut und gerne eine Person sein können.

Die Chemie zwischen Gwen und Aran war für mich auch einfach nicht existent. Das war kein Slow-Burn, das war (für mich persönlich) eher ein „No-Burn“. Ich habe zu keinem Zeitpunkt verstanden, was Aran an Gwen nun so unfassbar toll findet, dass er sie gleich als so ziemlich einzige „Verstorbene“ (er weiß ja zunächst nicht, dass sie lebt), mitnimmt und ihr eine Sonderbehandlung zukommen lässt. Dass sie ihn bei einem gemeinsamen Abendessen nicht anfassen wollte (da sie nicht riskieren möchte, dass er bei Berührung mitbekommt, dass ihr Herz schlägt), kann ja wohl nicht der Grund sein, warum sie ihn fasziniert. Und was der wirkliche Grund ist, wird auch nie aufgeklärt. Plötzlich stehen sie einfach aufeinander. Ich meine, sicher, er ist ein extrem gutaussehender, mächtiger Gott, da kann man so als normale Sterbliche schon mal schwach werden. Aber müsste es den Verstorbenen dann nicht reihenweise so gehen? Und hat Aran in seinem ewigen Dasein nicht schon Milliarden anderer, schöner Frauen gesehen? Während alle anderen Verstorbenen in Dörfern in Annwyn leben, darf Gwen in den nächsten Palast mitkommen und in Arans Nähe bleiben – ohne, dass ihr jemand plausibel erklärt, weshalb? Und Gwen so: „Okay.“

Ihre Rechtfertigung vor sich selbst ist dann, dass sie hofft, Vander außerhalb des Onyxpalastes zu finden. Hm. Fand ich nicht so gut gelöst, zumal sie auf dem Weg ja von einer großen Gruppe begleitet wird und sich nicht einfach für die Suche absetzen kann. Generell fand ich, dass die Suche nach Vander eher in den Hintergrund gerückt ist. Bestimmt wird das an Gwens Faszination und ihren Gefühlen für Aran gelegen haben, aber wie bereits gesagt, habe ich diese „Anziehung“ nicht verstanden und schon gar nicht gefühlt.
Schade. Die „Bedrohung“, der Gwen und Aran sich dann durch eine weitere Göttin gegenübersehen, hat für mich irgendwie auch nicht in die Story gepasst – ebenso wie Vanders Rolle darin. Sicher sollte es nicht nur Romance sein und der Konflikt nicht nur darin bestehen, dass Gwen lebt und nicht in Annwyn bei Aran bleiben kann oder sich eben zwischen ihm und Vander entscheiden muss. Aber irgendwie hätte mir das auch gereicht.

Nun gut. Es ist ja der Auftakt einer Trilogie, vielleicht gebe ich dem zweiten Teil noch eine Chance. Und auch, wenn der „Mimimi“-Part jetzt etwas ausladend geworden ist, ist es kein schlechtes Buch – es hat mich nur leider nicht so berühren können, wie ich gehofft hatte.

Erschienen bei Penguin

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Autorin / Autor: Sarah H. - Stand: 7. Januar 2026