Der Fährmann
Autorin: Regina Denk
Erster Weltkrieg? Das bäuerliche Leben in einer Grenzregion zwischen Österreich und Deutschland? Alles so halb in Mundart erzählt? Puh! Interessiert mich eigentlich gar nicht, dachte ich und hab es dann trotzdem gelesen. Zum Glück. Denn diese Geschichte hat es in sich. Es geht um Liebe, Eifersucht, Rache, um Krieg und Gewalt, eine autoritäre Gesellschaft, Zusammenhalt, Selbstbehauptung und Freundschaft.
Elisabeth alias Lisie, Hannes und Annemarie sind von Kind an beste Freund:innen. Dabei sind die Mädchen beide in Hannes verliebt und das ändert sich ein Leben lang nicht. Aber Hannes, der Lisie liebt, wird Fährmann und der darf traditionell keine Frau haben. Und Lisie ist schon lange dem reichen Bauernsohn Josef Steiner versprochen, der wiederum ein Auge auf Annemarie geworfen hat. Nicht nur diese persönlichen Verflechtungen führen langsam aber sicher zu großen Tragödien, sondern auch der herannahende Krieg und die durch und durch patriarchale Gesellschaft, in der die Männer tun und lassen, was sie wollen, während die Frauen gehorchen und erdulden.
Auf mitreißende Art erzählt Regina Denk hier eine extrem harte Geschichte von Frauen, die irgendwie zu überleben versuchen, und von Männern, die an den starren Männlichkeitsbildern ihrer Zeit zugrunde gehen oder sich ihnen nur mit viel Mut widersetzen können. Wenn es am Ende einen Streifen Hoffnung gibt, dass die Gesellschaft sich zum besseren entwickelt, wird er dadurch zunichte gemacht, dass man aus historischer Sicht natürlich weiß, dass es so leider nicht gekommen ist.
Ein rundum spannendes und mitreißendes Buch, das ein bisschen an "Das finstere Tal" oder auch an die Romane von Andrea Maria Schenkel erinnert.
Warum es wirklich unbedingt lesenswert ist: weil es trotz der historischen Verortung zu Beginn des ersten Weltkriegs absolut zeitlos ist und Themen aufwirft, die heute leider wieder eine Rolle spielen. Und außerdem umwerfend geschrieben ist. Ich habe es verschlungen und werde noch lange daran denken.
Erschienen bei Droemer
Autorin / Autor: luthien - Stand: 19. März 2026