Der Erste, der am Ende stirbt
Autor: Adam Silvera
ins Deutsche übersetzt von Katharina Diestelmeier & Barbara König
Was zählt im Leben? Das hat sich sicherlich jeder schon mal gefragt. Aber die wenigsten Menschen denken vom Ende her: Wie will ich gelebt haben und was mache ich in den letzten 24 Stunden meines Lebens? Dieser belastenden Auseinandersetzung müssen sich Orion und Valentino im Roman „Der Erste, der am Ende stirbt“ stellen. Beide haben sich für den Dienst des Todesboten angemeldet, ein Dienstleister, der allen angemeldeten Nutzern auf einer digitalen Plattform garantieren möchte, vor seinem Tod innerhalb der nächsten 24 Stunden durch einen Anruf gewarnt zu werden. Die Todesursache bleibt im Dunklen. Am Abend der Premiere des Todesboten trifft es Valentino, als er als Erster den Anruf erhält. Für ihn bricht eine Welt zusammen, bis er Orion besser kennenlernt. Damit beschreibt dieser Roman die Vorgeschichte zu „Am Ende sterben wir sowieso“ und damit insbesondere die Kennenlern- und Liebesgeschichte der beiden Jugendlichen und ihren Umgang mit dem Tod.
Die Story beginnt stark. Ein spannendes und auch psychologisches Gedankenspiel wird ins Rollen gebracht: Wer will wissen, wann er stirbt? Was machen die Menschen, wenn sie einen Anruf erhalten, und wie ist es für die Wenigen, die sich dem Dienst verweigern? Der Roman gibt aber nicht nur Einblicke in die Leben der Betroffen - auch die mächtigen Drahtzieher des Todesboten gelangen ins Visier, erschöpfte und traumatisierte Mitarbeiter, deren Job tagtäglich in der Überbringung der Todesnachricht liegt und die psychologische Hilfe benötigen würden, doch im Grunde keine Zeit dazu haben. Ein System, das praktisch wie dysfunktional sein kann, als Menschen sterben, die nie angerufen wurden. Dazwischen leise Annäherungsschritte zwischen Orion und Valentino.
Was mir gut gefallen hat: Der Ausgangspunkt beider Jugendlichen ist ähnlicher als zuerst gedacht. Zwar wird Valentino am Ende sterben (das wissen wir sehr früh), doch auch Orion hat mit regelmäßig lebensgefährlichen Situationen zu tun, da er an einer Herzkrankheit leidet, die ihn seit vielen Jahren begleitet. Es entsteht kein mächtiges oder kitschiges Gefälle zwischen beiden, sondern eine jugendliche Love-Story der leiseren, melancholischen und auch humoristischen Sorte. Die Geschichte ist dabei tendenziell langatmiger, baut in den richtigen Momenten aber auch viel Spannung auf und lässt der Entwicklung der jungen Liebe Zeit. Ein großer Pluspunkt sind die miteinbezogenen aktuellen Themen in Amerika, die die Gesellschaft und die Sicherheit des Landes betreffen, darunter Attentate, Digitalisierung und die Beschreibung der urbanen Umgebung, in der sich neu Zugezogenen erst einmal orientieren müssen.
Was leider den Lesefluss und die inhaltliche Begreifbarkeit für mich stark eingeschränkt hat, wird sowohl durch die Geschichte als auch den Schreibstil verursacht. Das Lektorat des Romans hat deutliche Schwachstellen, teilweise wiederholen sich Worte sofort hintereinander oder man stolpert über verheerende Rechtschreibfehler. Die Übersetzung wirkt für die Geschichte voller Gefühle dahinter etwas steif und nüchtern. Dies könnte der deutschen Übersetzung geschuldet und im Englischen anders sein. Auf Ebene der Geschichte bleibt die tatsächliche Funktionsweise des Todesboten ungeklärt, daher bleibt auch für den Lesenden offen: Sind es selbsterfüllende Prophezeiungen, sodass die angerufenen Opfer sich nach der Kenntnisnahme über den eigenen Tod sehr riskant verhalten? Sind bezahlte Auftragsmörder aktiv? Wurde irgendeine Form der unsichtbaren Bevölkerungsüberwachung durchgesetzt? Jede Idee scheint möglich, aber auch unvollständig. Da finde ich die Lösung des Autors, dies einfach offen zu lassen, etwas simpel und erstickt für mich zugleich die Möglichkeit für den Diskurs. Für einen Jugendroman mag das in Ordnung sein, aber ich finde, hier wird ein Potential nicht ganz ausgeschöpft, das der Roman grundsätzlich beinhalten würde.
Daher empfehle ich den Roman allen Fans des Vorgängers, die auch aus Liebe zu den Protagonisten zum Roman greifen. Für Liebhaber einer anspruchsvollen Lektüre zum Miträtseln ist es eher weniger geeignet.
Erschienen bei Arctis
Autorin / Autor: Johanna G. - Stand: 29. Juni 2026