Das Lied der Amsel

Autorin / Illustratorin: Maria van Lieshout
Übersetzt von: Ulrike Schimming

Das Lied der Amsel von Maria van Lieshout ist eine außergewöhnlich berührende Graphic Novel über Erinnerung, Menschlichkeit und die Frage, inwiefern Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt. Aus der Perspektive einer Amsel erzählt, entfaltet sich eine Geschichte, die zwischen dem Amsterdam der 1940er Jahre und dem Jahr 2011 hin- und herspringt und dabei zwei junge Frauen miteinander verbindet.
Im Mittelpunkt steht Emma – Studentin, Widerstandskämpferin und Künstlerin –, die während der deutschen Besatzung jüdischen Menschen hilft, indem sie Dokumente, Lebensmittelmarken und sogar Bankwechsel fälscht. Besonders bewegend ist ihre Verbindung zu der kleinen jüdischen Hanna, die sie in ein Versteck bringt und so rettet. Jahrzehnte später erfährt deren Enkelin Annick durch die für ihre Großmutter benötigte Stammzellen Spende, dass diese als Kind adoptiert wurde. Auf der Suche nach ihrer Familiengeschichte folgt sie den Spuren von Emmas Kunstdrucken und findet schließlich sogar den Bruder ihrer Großmutter, der diese seit einem Bombenangriff für tot gehalten hatte und inzwischen in den USA lebt.

Meine Meinung zum Buch

Besonders eindrucksvoll ist die Amsel als Erzählerin und wiederkehrendes Motiv. Sie begleitet die Figuren durch alle Zeiten hinweg und steht für Hoffnung, Mitgefühl und Erinnerung. Dadurch erhält die Geschichte eine poetische und zugleich sehr persönliche Atmosphäre.
Die liebevolle Gestaltung als Graphic Novel macht die Handlung dabei besonders greifbar. Illustrationen erzeugen starke Bilder im Kopf, die lange nachwirken. Ergänzt wird die Geschichte durch Originalfotos, Stadtpläne und Hintergrundinformationen, die zeigen, wie eng die fiktive Handlung mit den realen Ereignissen im Amsterdam der 1940er Jahre verwoben ist. Gerade diese Verbindung aus Fiktion und historischer Wirklichkeit macht das Buch so eindringlich.

Ich würde dieses Buch besonders jungen Menschen ab etwa zwölf Jahren empfehlen, die sich fragen, was die Geschichte des Holocausts beziehungsweise der Shoah mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Auch für Leserinnen und Leser, die mit klassischen Sachbüchern oder autobiografischen Berichten wenig anfangen können, bietet dieses niedrigschwellige Format einen sehr gelungenen Zugang.

“Das Lied der Amsel“ ist ein bewegendes Plädoyer für Menschlichkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein aktives Erinnern. Ein Buch, das zeigt, wie wichtig es ist, Geschichten weiterzutragen – damit Vergangenheit nicht verstummt.

Erschienen bei Fischer Sauerländer

Autorin / Autor: Hannah K.