Das Leben ist hart

Autorin: Lili Aschoff

Habt ihr euch auch immer einen kleinen „Reiseführer“ für eure Jugend gewünscht oder wünscht euch aktuell einen?
Einen modernen „Knigge“ aber irgendwie auch doch nicht, hat die Autorin Lili Aschoff in ihrem Werk „Benimmbuch für junge Leute“ geschaffen.

Brauchen wir Benimmregeln im Jahre 2021? Jein. Wenn man damit altertümliche Begrüßungsformeln oder die Reihenfolge von Besteck auf dem Tisch meint: nicht unbedingt. Aber Tipps für das Leben sind eigentlich immer praktisch, nicht wahr?

Und so durchwandern wir hier die Themen Freizeit, Partnerschaft, Geld, eigenes Verhalten oder auch Wohnen und andere Lebensbereiche in kurzen, leicht zu lesenden Texten. Wir lernen, dass man nicht jeden Mist im Internet kommentieren muss, dass man sich im Leben nicht durchmogeln und nett zu Bedienungen im Café sein soll. Aber auch, dass wir unsere Weisheit nicht allen auf die Nase binden müssen oder auch mal zuhören sollten, weil andere auch gute Geschichten erzählen...

Am Anfang dachte ich, dass die Autorin sicherlich schon älter sein müsste, weil der Text sprachlich irgendwie altmodisch daher kam, dies besserte sich aber im Verlauf des Buchs.
Der Inhalt ist in knappe und interessante Kapitel unterteilt, die Texte schwanken zwischen viel Freiheit und der linksalternativen Sicht der Autorin, die rät, auch mal Fünfe grade sein zu lassen. In einem Benimmbuch ist es außerdem Sinn der Sache, dass man Ratschläge oder Vorgaben liest, das kann natürlich stellenweise dogmatisch wirken.

Die Autorin hat das Buch selbst gestaltet. Sie verbindet alte schwarz-weiß Fotos mit Illustrationen, sodass die Collagen immer etwas ironisches oder provokatives an sich haben. Meiner Meinung nach ist dieser Stil heute nicht mehr aktuell und trägt auch immens zu meinem Fazit zum Buch bei. Mir gefallen jedoch die Kommentare im Stil von handschriftlichen Randnotizen.

Es ist toll, dass die Autorin in vielem Stellung bezieht und ihre Werte weitergeben will. Sie spricht von Rassismus, Sexismus und äußert sich gegen Nazis, das ist an dieser Stelle wertvoll.

Man merkt jedoch deutlich, dass sie sich auch in einer eigenen Blase befindet, da sich dieses Buch in meinen Augen aufgrund der eher anspruchsvolleren Sprache vor allem für Gymnasiast_innen eignet.
Einige Szenarien spiegeln auch, dass sie beim Schreiben eine höhere Bildungsschicht im Sinn hatte. Ich frage mich, wer das Buch lesen soll.

Lili Aschoff ist in meinem Alter, also um die 30. Beim Lesen und Nachwirkenlassen des Buches wird nicht klar, an wen sich das Benimmbuch für junge Leute eigentlich richtet. Da ist mal vom Abzahlen des Studienkredits die Rede und mal richtet sich der Text deutlich an Schüler_innen, die noch bei den Eltern wohnen. Ich denke, dieses Buch ist für Menschen zwischen 14 und 25 Jahren gedacht.
Für die Instagramer-Generation beispielsweise halte ich es nicht für passend. Ich hätte mir gewünscht, dass es sowohl textlich als auch bildlich moderner und mehr auf dem aktuellen Stand des Zeitgeists unter jungen Menschen ALLER Bildungsschichten verfasst worden wäre. Inhaltlich ist es wunderbar offen, frisch und direkt.


Erschienen im Verlag Klinkhardt & Biermann

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Autorin / Autor: Verena T. - Stand: 19. April 2021