Bis die Zeit verschwimmt

Autorin: Svenja K. Buchner

Helene und Cassie sind beste Freundinnen. Sie verbringen viel Zeit miteinander, erzählen einander alles und haben noch viel vor in ihrem Leben. Und dann, am 31. Oktober, endet das Leben von Cassie ganz plötzlich und abrupt, und Helene muss alleine weiter machen. Doch Cassie ist nicht einfach verschwunden – jemand hat sie ihres Lebens und ihrer Zukunft beraubt. Ein Junge in der Schule, ein Außenseiter, hat an jenem verhängnisvollen Tag eine Waffe dabei und erschießt in der Pause acht Kinder und einen Lehrer. Neun Leben werden ausgelöscht – und Cassies ist eines davon. Helene kann mit dem Schmerz kaum umgehen, er zerreißt und erdrückt sie, lässt sie nicht atmen oder schlafen. Nach einem anfänglichen Schock findet Helene ins Leben zurück, doch die angebliche Ziellosigkeit des Täters lässt sie nicht los. Immer wieder sieht sie ihn vor sich, wie er die Menge absucht und zielt, abdrückt, lächelt. Wieso mussten genau diese acht Schüler sterben? Warum Cassie? Warum Helenes Cassie? Helene macht sich auf die Suche nach Antworten, kontaktiert Angehörige und stellt unangenehme Fragen. Teilweise findet sie Antworten, teilweise aber auch einfach nur abgrundtiefe Trauer, Wut, Verzweiflung. Mit der Zeit wird der Schmerz erträglicher, braucht weniger Raum, und lässt Helene wieder Raum für ihr eigenes Leben und ihre eigenen Gefühle. Doch der Weg zurück ist lang und gepflastert mit Fallen und Sackgassen, die Helene erst noch überwinden und umgehen muss.

Meine Meinung
Das Thema Amokläufe ist stets aktuell und wird in der Jugendliteratur häufig und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Svenja Buchner ergänzt diese bereits existierenden Werke um eine weitere Perspektive, nämlich die der Zurückgebliebenen. Manche Menschen werden Zeuge und damit auch Opfer von Amokläufen, kommen mit dem Leben davon – und doch ist nichts so, wie es vorher war. Helene ist einer dieser Menschen. Die Autorin erzählt ihr Schicksal eindrucksvoll und einfühlsam, sodass einem das Herz schwer wird, aber nicht zerspringt. Die Freundschaft der beiden Mädchen ist das Herzstück des Romans und der rote Faden, der sich von der ersten bis zur letzten Seite zieht. Damit ist diese Freundschaft die einzige Orientierung, die sich dem Leser bietet: Darüber hinaus scheint die Handlung unvorhersehbar, plätschert ein wenig vor sich hin. Themen treten in den Vordergrund, verlieren an Relevanz, andere Dinge werden wichtig. Damit reflektiert der Fluss der Ereignisse Helenes Gefühlswelt, die durch den Amoklauf aus den Fugen gerät und nur langsam wieder in geregelte Bahnen übergeht. Svenja Buchner beschreibt den Prozess wirklich wunderschön, nicht nur authentisch, sondern auch sprachlich mehr als ansprechend:
„Ich habe nicht viele Freunde. […] Aber das macht mir nichts aus, da ich der Überzeugung bin, dass die meisten Menschen nach meiner Definition überhaupt keine Freunde haben, sondern nur flüchtige Begegnungen für bestimmte Lebensabschnitte, die ihnen dabei helfen, eine Zeit lang das Bild des eigenen Lebens weiterzuzeichnen, um dann zu verschwinden, ohne auch nur den Ansatz einer Signatur zu hinterlassen. Sie kommen und gehen, und was bleibt sind mehr oder minder liebevoll gemalte Striche auf dem Gemälde eines anderen, doch diese gehen unter mit den Jahren, und ihre Urheber werden alle gleichermaßen vergessen, was auf der einen Seite traurig ist, auf der andren Seite aber zu selbstverständlich, als dass sie die Traurigkeit dieses Aspekts je bemerken könnten.“ (S.11)

Fazit
Insgesamt ist das Buch sehr berührend. Während mir manche Seiten einen Kloß im Hals verpasst haben, haben mich andere Passagen zum Schmunzeln gebracht. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen, es unterhält den Leser auf sanfte Art und Weise, ohne zu viel zu wollen oder sich zu sehr auf ein bestimmtes Thema zu versteifen, und dabei die anderen Bereiche des Lebens, wie Familie und Freunde, aus dem Blick zu verlieren.

Erschienen bei Thienemann

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Autorin / Autor: lacrima - Stand: 26. Februar 2020