Angst sollt ihr haben

Autor: Manfred Theisen

Angst sollen sie haben, findet Felix. Angst um ihr Leben, sodass sie dorthin verschwinden, wo sie herkommen. Felix Welt wird bestimmt durch seinen grenzenlosen Hass auf Fremde und seinen euphemistischen Blick auf Deutschland. Nachts genießt er seine Macht als Türsteher in einem Nachtklub, tagsüber hängt er seinen Gedanken nach und macht mit Schlagring und Sturmhaube Jagd auf Ausländer. Aber wirklich wird sein Leben auf den Kopf gestellt, als er beschließt, ein Flüchtlingsheim in die Luft zu jagen - koste es, was es wolle.

Mit dem Fokus auf die extremen Rechte und Fremdenfeindlichkeit greift der Autor Manfred Theisen ein hochaktuelles Thema auf. Hierbei wählt er eine außergewöhnlicher Perspektive und schildert das Geschehen aus der Sicht des Täters, nicht der Opfer. Theisen beschönigt nichts. Innerhalb weniger Sätze taucht man in Felix’ Welt und in seine Überzeugungen ein. Es ist Felix, kein Erzähler, der zu einem spricht. Sprachlich und stilistisch kann der Roman gut überzeugen. Durch den eher umgangssprachlich gehaltenen Stil erscheint der Protagonist authentisch. Felix ist sicherlich kein Sympathieträger, aber er ist glaubwürdig. Es wird deutlich, dass er wirklich hinter der rechtsextremen Denkweise steht und emotional abgehärtet ist. Brutalere Szenen werden durch eine objektive Kälte eindrucksvoll geschildert, sodass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Der Spannungsbogen wird gut gehalten und profitiert insbesondere durch den reellen Protagonisten.

Leider erfährt man in dem Roman kaum etwas über Felix’ genauere Hintergründe. Mich hätte es sehr interessiert, wie er überhaupt in die rechte Szene gerutscht und sich seine Denkweise angeeignet hat. So tauchen nur gängige Vorstellungen auf: Als Kind einer ungebildet und naiv dargestellten Mutter, wächst Felix in schwierigen Verhältnissen auf. Das Geld ist knapp, vor allem zeigt seine Mutter ihm gegenüber kein Interesse und besitzt auch keine Durchsetzungsfähigkeit. Dies jedoch als einzige Erklärung aufzuführen, finde ich enttäuschend. Es ist hier wie in den meisten Lebensschichten: Die Angelegenheit ist vielschichtiger.

Am meisten hat mich allerdings der Beginn und das Ende der Geschichte gestört. Theisen rahmt die eigentlich Handlung in eine Art inneren Monolog ein, in dem Felix, der im Gefängnis sitzt, über seine Vergangenheit reflektiert. Die Idee ist gut, jedoch besitzt der Felix im Gefängnis kaum Ähnlichkeiten zu dem der Haupthandlung. Inhaftiert bereut er seine Taten und scheint geläutert. Leider fehlt die Entwicklung dahin gänzlich, sodass der Sprung plötzlich kommt und der sonst so schlüssige Charakter an Glaubhaftigkeit verliert. Anfangs schweift er zudem deutlich vom Thema ab und fordert den Leser plötzlich auf, sich sozial zu engagieren und seine Großeltern zu unterstützen. Ich hatte den Eindruck, dass Theisen an dieser Stelle krampfhaft versucht hat, die Geschichte positiv enden zu lassen und vor allem dem Leser eine Lehre zu präsentieren, die er aus der Geschichte ziehen soll. Dies ist jedoch absolut nicht nötig, die Geschichte spricht für sich.

Insgesamt konnte mich der Roman jedoch überzeugen. Klammert man die ersten und letzten Seiten aus, jagt einem die erbarmungslose Welt einen Schauer über den Rücken und man fiebert mit Felix mit. Es ist eine Geschichte, die man zwar verschlingt, die aber in Erinnerung bleibt und zum Nachdenken anregt.


*Erschienen bei cbt*

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Autorin / Autor: Lara X - Stand: 7. Januar 2018