Alles so leicht

Autorin: Meg Haston
übersetzt von Alexandra Ernst
ab 13 Jahren

Des Titels wegen bin ich an diesem Buch hängengeblieben. Der Klappentext bestätigt meine Vermutung: In Meg Hastons Buch „Alles so leicht“ werden Essstörungen thematisiert. Das Cover ist einheitlich in grünblau gehalten, vorne ragt eine Hand in die untere Hälfte hinein. Es sieht aus, als wären mit Nylonfaden papierene Vögel, Wolken und Luftballons an Handgelenk und Finger gebunden, so leicht, dass sie aufsteigen, in der oberen Coverhälfte schweben. In der Mitte steht der Titel. In Kleinbuchstaben. Es wirkt fast, als traute man sich nicht, ihn laut auszusprechen, als würden diese kleinen Buchstaben für ein Flüstern stehen. Vielleicht ist es das ja auch, denn Meg Haston bricht mit ihrem Buch ein Thema auf, regelrecht gewaltsam, das zwar durchaus im öffentlichen Bewusstsein existiert, aber trotzdem viel zu beschönigt, viel zu sehr wie ein Tabu behandelt wird.

Praktisch von heute auf morgen wird Stevie von ihrem Vater in den Flieger verfrachtet, und buchstäblich in die Wüste geschickt. Nicht, weil er sie loswerden will. Sondern weil dort, fern von ihrer eigentlichen Heimat Atlanta, ein Therapiezentrum für Essstörungen ist. Ob sie dort hingehört? Definitiv. Wahrscheinlich ist es ihre letzte Chance, weiterzuleben. Nur, dass Stevie genau das verhindern will. Ihr bleiben 27 Tage um ihren Plan zu vollenden, 27 Tage um sich tot zu hungern. In 27 Tagen jährt sich der Tod ihres Bruders zum ersten Mal.

Sie fühlt sich schuldig. Spricht davon, dass sie ihn umgebracht hätte. Und deshalb hat sie ihren Tod, ihr verschwinden exakt geplant, bemessen in Kalorien und Pfund. Dass sie nun in einem Therapiezentrum ist, ändert nichts daran, es ist nur eine zusätzliche Unannehmlichkeit.
Fest entschlossen, zu Josh, ihrem Bruder, zu kommen, wenn sich sein Tod jährt, verweigert Stevie die Mahlzeiten, macht heimlich Übungen um Gewicht zu verlieren, blockt in ihren Therapiestunden ab. Wozu sich helfen lassen, wenn sie doch nur sterben will? Auch ihre Mitpatienten lässt sie nicht an sich ran, zunächst will sie sich nicht mal die Namen merken, will nicht wissen, welche Geschichten hinter ihnen stecken.
Doch ganz so leicht ist alles dann doch nicht. Stevie hat sich schlichtweg verschätzt und als man ihre Diagnose von der Anorexie (Magersucht) zur Bulimie umändert, bricht ihre Welt ein. Immer mehr Risse tun sich auf, während sich in Rückblenden dem Leser immer mehr Puzzleteile ihrer Vergangenheit, von der Todesnacht ihres Bruders, zusammensetzten. Schließlich findet sie sogar Freundinnen in den anderen Mädchen ihres Bungalows, in dem sie während der Therapiezeit wohnt.
Stevie macht viele Wendepunkte mit und Stück für Stück setzt sich das große Chaos zusammen, bis sie Stück für Stück merkt, dass es vielleicht doch einen anderen Weg für sie gibt als den Tod.

„Alles so leicht“ ist keineswegs leicht zu lesen. Wortgewandt, mit viel Symbolik und Abstraktion beschreibt Meg Haston mehrere Stationen einer Essstörung und scheut sich nicht, die Bulimie miteinzubeziehen. Dafür alleine gebührt ihr schon großer Respekt, denn oft wird lediglich Magersucht thematisiert, wenn überhaupt über Essstörungen geschrieben wird. Doch auch sonst hat die Autorin großes geleistet. Einfühlsam und doch schonungslos nimmt sie uns mit auf Stevies Weg, zeigt uns ihre Vergangenheit und lässt ihr Wege für die Zukunft offen. Dennoch musste ich das Buch beim Lesen oft zur Seite legen, noch einmal über das Gelesene nachdenken, oder mich schlichtweg ablenken, um nicht selbst in ein Loch aus Selbsthass und Verzweiflung zu fallen. Viel länger als gewöhnlich brauchte ich also für die knapp 320 Seiten, noch Tage danach beschäftigen sich meine Gedanken mit dem Buch.

Da ich selbst meine Erfahrungen mit einer Essstörung habe, kann und will ich es nicht zwingend weiterempfehlen, denn viel eher muss ich davor warnen: Wer mit einer Essstörung kämpft, sollte besser die Finger von diesem Buch lassen, oder es sich wirklich sehr gut überlegen, ob man es lesen möchte. Die ehrliche Art der Geschichte kann definitiv negativ beeinflussen, auch wenn sie zugleich so manchen auch wachrütteln wird.

Letztendlich ist das Buch faszinierend und wahr – aber eben nicht die ideale Lektüre für jeden.

Erschienen bei Thienemann

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Autorin / Autor: chesirekitty - Stand: 27. Juli 2015