Lektorin

Verwerfen, schön finden, redigieren, lektorieren!

Kannst du dich kurz vorstellen?
Ich bin 30 und lebe seit ungefähr zehn Jahren in Köln. Als Lektorin arbeite ich für den Verlag Kiepenheuer & Witsch, den es schon seit über 50 Jahren gibt. Kiepenheuer & Witsch verlegt sowohl literarische Bücher von Autoren wie Heinrich Böll, Joseph Roth oder Erich-Maria Remarque neben vielen angesehenen ausländischen Schriftsteller (u.a. J.D. Salinger, Gabriel García Marquez, Don Delillo, Nick Hornby). Gleichzeitig gibt es ein umfangreiches Sachbuch-Programm, in dem ganz unterschiedliche Autoren wie Günter Wallraff oder Rio Reiser ihre Bücher veröffentlichen. Dann gibt es noch die KiWi, die Paperback-Reihe. Hier erscheinen junge Schriftsteller wie Benjamin Lebert, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Irving Welsh.

Kannst du eine Kurzbeschreibung der wichtigsten Arbeitsvorgänge geben, die du als Lektorin ausübst?
Ich zähle das jetzt mal auf: Absagen schreiben, Besprechungen lesen, Covergestaltung zusammen mit der Grafik, Deadline ignorieren, Einholen von Rechten (Text und Bild), Fahnen, Gutachten, Ideen, Jetzt ist Mittagspause!, Kollationieren, Lektoratsrunde, Manuskripte bearbeiten, Nachdruck, Originalausgaben von ausländischen Verlagen lesen, Prüfen von Manuskripten, Querlesen, Redigieren, Satz kontrollieren, telefonieren mit Autoren, Übersetzer suchen, Vorschautexte schreiben, Wasser holen im Keller, X,Y,Z...

Was machst du besonders gern, was am liebsten gar nicht?
Besonders gern? Das ist einfach. Die Arbeit mit den Autoren mag ich sehr: Lektorieren im engeren Sinne. Besonders ungern? Schon etwas schwieriger. Sicher gehört das Schreiben von Absagen dazu.

Wie bist du zu diesem Beruf gekommen bzw. was hast du vorher gemacht?
Ich habe in Köln Geschichte studiert, als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet und eine Promotion angefangen. Nebenbei habe ich in ein paar Jahre als freie Journalistin über Literatur und Musik geschrieben. Dass ich gerne als Lektorin arbeiten würde, wurde mir erst klar, als ich bei Kiepenheuer & Witsch ein Volontariat gemacht habe.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Pläne gibt es nicht so direkt, aber sehr gerne würde ich noch viele gute, lesenswerte Bücher als Lektorin (auf gar keinen Fall selbst als Schriftstellerin arbeiten) machen. Ich glaube, dass ist schon ein recht „großer“ Traum.

Glaubst du, dass es Frauen in dem Beruf schwerer haben als Männer?
Das ist wohl wie überall. Also: JA!

Denkst du, dass sich dein Beruf durch die elektronischen Medien stark verändern wird?
Natürlich hat sich die Arbeit der Autoren durch den Computer verändert. Das Erstellen von Versionen war auf einer Schreibmaschine doch recht mühsam. Gelesen wird aber immer noch auf Papier und ich schreibe auch alle Korrekturen direkt ins Manuskript. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass man irgendwann ganze Bücher am Bildschirm liest. Auch das ebook scheint sich noch nicht durchzusetzen und mir graut bei dem Gedanken statt Bücher nur noch DVDs im Regal stehen zu haben.

Was wolltest du mit 16 Jahren werden?
Mit 16 wollte ich Historikerin werden, hatte aber keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet. Geschichte habe ich dann studiert und keine Sekunde bereut.

Was machst du am liebsten in deiner Freizeit?
Lesen kann ich ja nicht sagen, weil das zu albern wäre. Bilder schaue ich mir gerne an: bewegte und welche, die an Wänden hängen.

Hast du einen Lieblingsautoren, eine Lieblingsautorin? Ein Lieblingsbuch?
Lieblingsautor oder –autorin? Diese Frage überfordert mich immer, ähnlich wie Lieblingsbücher, -platten, -filme. Aber mit 16 Jahren hatte ich ein Lieblingsbuch – jedenfalls habe ich es nicht vergessen und das ist ein gutes Zeichen dafür, dass es mich irgendwie verändert hat: J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen.

Welchen Tipp kannst du Mädchen geben, die gern Lektorin werden möchten?
Dass sie gerne lesen, reicht bedauerlicherweise nicht. Ein besonderes Interesse für Literatur und Sprache, für Themen und Menschen gehören auch dazu. Eine „klassische“ Ausbildung zur Lektorin gibt es nicht. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium ist Voraussetzung und schließt sich meist an ein Volontariat an.

Welchen Tipp würdest du Mädchen geben, die gern Schriftstellerinnen werden möchten?
Schreiben, lesen, schreiben, lesen, schreiben, lesen. Sicher ist es gut, wenn die ersten Texte in Zeitungen oder Zeitschriften erscheinen. Daneben gibt es in jeder Stadt AutorInnenwerkstätten, wo sich Schriftsteller und Schriftstellerinnen austauschen können. In den USA werden schon seit langer Zeit „Creativ Writing“-Kurse angeboten und langsam gibt es solche Seminare auch hier, die sicher ein guter Rahmen sind an den eigenen Texten zu arbeiten. Darüber hinaus kann man in Leipzig – noch eine Tradition aus der DDR – Literatur studieren. Nach dem Abschluß ist man dann diplomierter Schriftsteller oder diplomierte Schriftstellerin.

Danke für das Gespräch!

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Autorin / Autor: Birgit, Astrid - Stand: 1. August 2002