Kapitänin

"Ich wünsche keinem Seemann ein Schiff voller Frauen"

Alexandra Bering

Kapitänin ist ja kein typischer Frauenberuf, wie gehen denn die männlichen Kollegen mit dir um? Und was sagen deine FreundInnen und Familie dazu?
In meinem Familien- und Freundeskreis sind mittlerweile alle von meiner Berufswahl begeistert und könnten sich auch nichts anderes für mich vorstellen. Eigentlich war es meine Mutter selbst, die mir noch gut zuredete. Bei den Kollegen sieht die Sache etwas anders aus. Meiner Ansicht nach liegt das größere Problem immer noch in der Akzeptanz, denn die Seefahrt ist einfach eine verschworene und verbohrte Männerdomäne, die sich in zwei Lager teilt:

Die „Positiven“ finden es gut und bereichernd, dass Frauen die Seefahrt beleben, während die „Negativen“ keinerlei Sinn oder Vorteil darin sehen. Als Argumente werden die Härte der Arbeit, lange Fahrzeiten, Unruhe in der Männergemeinschaft usw. angeführt. In Gesprächen und Diskussionen lasse ich diese Argumente grundsätzlich nicht gelten. Das sind voran geschobene Erklärungen für einfache Tatsachen, dass Männer ehrgeizige und strebsame Frauen als zusätzliche Konkurrenz sehen und sich mit der neuen Situation erst auseinandersetzten müssen.

Welche Hobbys hast du? Haben deine Hobbys mit deinem Beruf zu tun?
Zugegeben, Skifahren, Bergwandern und Klavierspielen sind nicht besonders seetaugliche Hobbys, aber für mich ist es sehr wichtig, um auf andere Gedanken zu kommen; raus aus der „maritimen Isolation“. Nach einigen Monaten auf See braucht es vor allem etwas geistige Abwechslung. Aber auch an Bord ist es wichtig, kleine Hobbys zu entwickeln, um einen Ausgleich zu schaffen. Meine Leidenschaft ist dabei das Heranziehen von Pflanzen aus Obstkernen, die ich dann veredele und an die Crew verschenke...

Wie sehen deine Arbeitszeiten aus?
Grundsätzlich gilt: Die Arbeit beginnt mit dem ersten Schritt auf, und endet mit dem letzten von der Gangway. Man ist sozusagen 24 Stunden im Dienst mit Unterbrechungen, die für das Essen, Schlafen und Entspannen genutzt werden. Diese persönliche Einstellung erleichtert mir das Bordleben um einiges und der wohlverdiente Urlaub kommt bestimmt.

Haben Frauen es schwerer in dem Beruf als die Männer? Oder sind Frauen sogar aus bestimmten Gründen besser/schlechter dafür geeignet?
Im Allgemeinen kann ich keine Diskriminierung oder Benachteiligung von Frauen in der Seefahrt feststellen, weder bei der Heuer noch in der Beförderung. Es ist nicht so sehr die Arbeit, sondern die stetige Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Bedenken, die den Beruf so schwierig machen. Dabei arbeiten Frauen meist gewissenhafter und gründlicher und es ist Ehrgeiz der sie antreibt.

Wie viele weibliche Kapitäne gibt es in etwa?
Nach letztem Wissenstand haben wir derzeit 5 deutsche Frauen als Kapitäne im Rennen. Hoffentlich kommen da noch ein paar dazu, denn im Vergleich mit anderen Ländern wie Schweden, Norwegen, Dänemark, Polen, Frankreich, USA oder Kanada befindet sich nautische Nachwuchsförderung in Deutschland eher am Rande der Steinzeit.

Wie siehst du deine Zukunft? Willst du in deinem Beruf weitermachen?
Nach vielen Jahren Schule und Studium werde ich mit Sicherheit einige Jahre zur See fahren. Aber sollte mir der erste Vollbart wachsen, wird es wohl besser sein aufzuhören.

Was würdest du Mädchen empfehlen, die den Beruf auch lernen wollen? Wo sollten sie sich melden? Wie kommt man ran an diesen Ausbildungsberuf?
Der Studiengang Seeverkehr ist kein Allerweltsstudium. Gute Informationen zum Studium und den Anforderungen gibt es in jedem Fall auf den Internetseiten der Fachhochschulen, die dieses Studium anbieten. Zusätzlich kann ein Probesemester sehr hilfreich sein, um einen ersten Eindruck vom Studium zu bekommen. Gerade Mädchen, die sich für dieses Studium entscheiden, sollten direkte Kontakte zu weiblichen Studenten in höheren Semestern schließen, um Erfahrungen und Tipps aus erster Hand zu bekommen.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?
Anders herum: Ich wünsche keinem Seemann ein Schiff voller Frauen und ihn als Einzigen mittendrin. Was traumhaft klingt könnte traumatisch enden.

Alexandra, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Spaß auf hoher See.

Autorin / Autor: Susanne Hehl/ Alexandra Bering - Stand: 21. August 2007