Ärztin für Rechtsmedizin

"Ich wollte schon immer Medizin machen. Ein altes Foto (da war ich fünf Jahre alt) zeigt, wie ich meinen Bruder von oben bis unten mit Verbänden eingewickelt habe."

Was machst du besonders gern, und wovor drückst du dich lieber?

Es ist ein wenig abhängig von der Tagesform, aber sowohl Obduktionen, als auch Untersuchungen von lebenden Gewaltopfern und die Tatort- bzw. Fundortarbeit machen mir wirklich viel Spaß. Auch Gutachtertätigkeit vor Gericht kann sehr interessant sein. Das mit dem „Sich-Drücken“ ist so eine Sache..., denn gerade in der Routinearbeit müssen alle Kollegen und Kolleginnen alles machen, was dazu gehört. Wenn es ginge, würde ich eventuell gern weniger theoretische Gutachten machen, vor allem, wenn ich dafür stundenlang dicke Aktenberge von einer Seite meines Schreibtischs auf die andere wälzen muss. Es gehört aber dazu und machmal sind sie spannender, als man anfangs dachte.

Was sind schöne oder schreckliche Erlebnisse im Beruf?
Schlimm finde ich persönlich alle Todesfälle von Kindern und natürlich Fälle von besonderer Tragik oder Grausamkeit. Da kann es auch mal passieren, dass ich beim Verlassen des Institutes nicht aufhöre, daran zu denken. Schöne Erlebnisse sind für mich, wenn meine Arbeit Erkenntnisse liefert, die zur Aufklärung eines Falls beitragen, wenn ich Studierenden unsere Arbeit näher bringen kann und wenn ich durch meine Untersuchung und das Gespräch einem überlebenden Gewaltopfer helfen kann.

Welche Eigenschaften sind wichtig?

Gut ist eine gesunde Mischung aus medizinischem Interesse, detektivischem Denken, menschlichem Einfühlungsvermögen, Neugier, Flexibilität, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz, aber auch einer relativ stabilen Persönlichkeit und Psyche.

Gibt es etwas, was du an deinem Job gar nicht magst?
So schön ein Beruf auch ist, gibt es natürlich immer Dinge, die einem besser und weniger gut gefallen. Etwas, das ich gar nicht mag, gibt es nicht, denn es gehört alles irgendwie dazu und ist notwendig. So ist zum Beispiel ein eventuell unangenehmer Geruch, der von einer Leiche ausgeht auch ein Befund, der uns Hinweise auf die Todeszeit oder auch die Todesursache geben kann. Gespräche mit Angehörigen von Verstorbenen gehören sicherlich auch nicht zu den Dingen, die Spaß machen. Aber ich weiß natürlich, dass sie sehr wichtig sind, damit sie das Schreckliche, das zuvor passiert ist, verstehen und irgendwie besser verarbeiten können.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Ich möchte in den nächsten zwei Jahren meine Facharztprüfung bestehen und es ansonsten hinkriegen, jeden Tag das Gefühl zu haben, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe.

Was machst du am liebsten in deiner Freizeit?
Sport mach ich wahnsinnig gern, wobei Fußball mein absoluter Favorit ist. Ich weiß, das ist schon wieder nicht „mädchentypisch“, aber es macht eben verdammt viel Spaß. Außerdem ist es ein guter Ausgleich, mich körperlich ab und zu mal auszupowern. Aber auch ich hab durchaus ruhigere Tage, an denen ein gemütlicher DVD-Abend zu zweit eher nach meinem Geschmack ist.

Was sagen Freunde und Familie zu deinem Beruf?
Selbst die wenigen, die zu Beginn meiner Facharztausbildung noch etwas skeptisch waren oder die Nase gerümpft haben, wissen schon lange, wie viel Spaß mir der Beruf macht und dass viel mehr dazu gehört als das, was im Fernsehen gezeigt wird. Allerdings...Krimis ansehen will keiner mehr mit mir zusammen, weil ich immer was zu meckern hab, wenn etwas komplett anders gezeigt wird, als es in der Realität ist.

Welche Voraussetzungen sollte man für diesen Beruf mitbringen?
Neben den bereits angesprochenen Eigenschaften ist es aus meiner Erfahrung heraus ideal, wenn man in Beziehung, Familie und Freundeskreis Menschen um sich herum hat, die einem den Rücken stärken, wenn man die Eindrücke des Arbeitstages doch mal intensiver mit nach Hause nimmt, als man vorher angenommen hat.

Britta, vielen Dank für das Interview und weiterhin eine "gute Nase" bei der Aufklärung der Verbrechen.

Autorin / Autor: Susanne Hehl/ Britta Gahr - Stand: 12. September 2007