Ich fühle was, was du nicht fühlst

Autorin: Amelie Fried

Buchcover

Manchmal wünscht India sich, sie könnte Sabina heißen und nebenan bei ihrer Freundin Bettina wohnen. Natürlich wäre sie dann immer noch komisch, aber vielleicht hätte sie dann eine Chance Freundinnen in ihrer Klasse zu finden. Aber so ist sie nur die Streberin mit den Hippieeltern. Bis Bettinas Vater ihre Musikbegabung entdeckt und sie sich endlich mal verstanden fühlt. Doch dann nutzt er ihr Vertrauen aus und lässt sie noch einsamer zurück als zuvor ...

Ein Spannungsbogen ist im Grunde nicht vorhanden. Was die Autorin an Erzähltempo und Spannung aufbaut, bremst sie schon bald wieder ab, indem sie z.B ein neues oder anderes Thema in den Mittelpunkt rückt. Erst zum Ende hin schafft sie es beim Leser ein drückendes Gefühl dumpfer (Vor-)Ahnungen zu erzeugen, was noch am nächsten an Spannung herankommt. Im Großen und Ganzen ist es aber nicht erzählerische Spannung, die mich am Lesen hält, sondern Interesse an India. Und die Hoffnung, ja fast das Bedürfnis, dass sich für sie alles zum Guten wendet. Denn eines schafft die Autorin meisterhaft: uns an die Ich-Erzählerin Indie zu binden. Sie stellt Indies Anderssein so heraus, dass es doch gewissermaßen Normalität wird. Sie erzählt diese Geschichte, als ob es eigentlich nichts zu erzählen gäbe, als berichte sie nur ganz zufällig von eben dieser Familie, als hätte die Protagonistin auch jede Andere sein können. Dabei ist es Indie, die dieses Buch so lesenswert macht.

Was wäre das Leben ohne unsere ganz individuelle Wahrnehmung? Was wäre die Gemeinschaft ohne Gemeinsamkeiten? Was bedeutet es ein Kind zu sein "im Goldfischglas einer Erwachsenenwelt, die vor Eitelkeit und Stolz fast wie ein Mürbeteig auseinander fällt"?

Ich habe die 70er Jahre nicht persönlich miterlebt, aber zusammen mit Indie darf ich einen Einblick bekommen. Und ihr zusehen, wie sie Fragen stellt, sich mit klugen Augen umsieht und die Welt um sie herum der Heuchelei überführt. Wie sie versucht, sich selber und das, was ihr wichtig ist, mit dem zusammen zu bringen, was von ihr erwartet wird. Und dann kommt letztendlich die Frage auf, ob es nicht heute ähnlich ist.

"Ich fühle was, was du nicht fühlst" ist ein Buch, das man an sich heranlassen muss, tut man das, wird es einen berühren und einnehmen und die Welt noch mal anders sehen lassen.

Dennoch: Streckenweise liest es sich, als hätte Juli Zeh versucht ein Jugendbuch zu schreiben - und dabei nie so ganz den richtigen Ton getroffen.

Erschienen bei Heyne

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Autorin / Autor: fiona - Stand: 12. September 2016