Rabenfrauen

Autorin: Anja Jonuleit
Gekürzte Fassung mit Marion Martienzen, Marie Gruber, Birte Schnöink

Inhalt
Rabenfrauen ist in drei Erzählstränge unterteilt, jede Perspektive ist auf ihre Weise packend und interessant.

Christa ist jung und schließt sich impulsiv und wegen der Liebe einer Gruppe Freikirchler an, aus denen später die Colonia Dignidad in Chile wird.

Ruth erzählt rückblickend wie es war, ihre Freundin gehen zu lassen und wie es sie bis heute belastet, sie nicht aufgehalten zu haben.

Anna, Ruths Tochter, kennt die Geschichte ihrer Mutter und deren Freundin Christa nicht, wird aber nach dem Tod ihres Mannes auf die Colonia Dignidad aufmerksam, da er auf dem Gebiet geforscht hat.

Jede Sicht hat ihre eigene Spannung, wenn eine Stimme ihr Kapitel zu Ende erzählt hat, möchte man wissen, wie es weiter geht, und gleichzeitig freut man sich darauf, von der nächsten Stimme wieder mehr zu erfahren. Zum einen ist da der erschreckende Bericht Christas, die erst naiv erzählt, wie sie sich einigen Freikirchlern anschließt und blauäugig dem Kopf der Gruppe, Paul Schäfer, nach Chile folgt. Wie ihr schon bei der Reise einige Unstimmigkeiten auffallen, aber sie versucht wegzuschauen, glaubt an die göttliche Führung hinter den seltsamen Entscheidungen. Wie sie alles erträgt, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben kann, auf ein gemeinsames, neues Leben mit ihrem Ehemann Erich, dem Mann, dem sie blind hinterher rennt. Und wie sie letztendlich die Gehirnwäsche überwindet, Regeln missachtet, Grenzen überschreitet und von schockierenden Strafen berichtet, ganz zu schweigen von geheimen Machenschaften, Aufmüpfigen, die kurz darauf an Fieber sterben, unter Zwang eingenommenen Medikamenten und aussichtslosen Fluchtversuchen ...

Ein Teil von Christas Geschichte überschneidet sich mit den Rückblicken ihrer Kindheitsfreundin. Die mittlerweile gealterte Ruth, die sich ihr Leben lang Vorwürfe gemacht hat, erzählt uns von ihren Erinnerungen an die Zeit als die beiden Mädchen gemeinsam die Freikirchler kennenlernten. Ruth war immer selbstbewusst, im Gegensatz zu Christa, dem Mauerblümchen, das man an die Hand nehmen musste. Aber dann verliebten sie sich beide in den selben jungen Mann. Erich, dem Christa später nach Chile folgen würde. Ruth verpasst den Moment Christa zu beichten, dass sie mit Erich geschlafen hat. Hilflos lässt ihre Freundin trotz vieler Warnsignale ziehen.

Anna, die vorher nie mit der Colonia Dignidad in Berührung gekommen ist, fühlt sich verpflichtet, die Arbeit ihres verstorbenen Mannes fortzuführen. Er hat vor seinem Tod einem Paar geholfen, das nach der Auflösung der Kolonie in Chile nach Deutschland zurück gekehrt ist. Anna nimmt Kontakt zu deren Anwalt auf, hilft ihnen ein Stück bei der Verarbeitung des Erlebten und konfrontiert ihre Mutter Ruth mit dem, was sie erfährt. Dabei öffnet sich Ruth immer mehr gegenüber ihrer Vergangenheit, und Anna entdeckt, dass es noch mehr Geheimnisse gibt, in der Freundschaft zwischen Christa und Ruth...

Hörbuch
Durch die drei verschiedenen Sprecherinnen ist das Hörbuch klasse umgesetzt, nach kürzester Zeit hat man sich hineingehört. Die Sprecherinnen sind dem Alter der drei Erzählerinnen angepasst und man hört den jeweiligen Charakter der Figuren sofort heraus. Die Tracks sind zahlreich und sinnvoll gesetzt, man muss nicht unnötig lange suchen, wenn man vom Auto zum CD-Spieler zuhause wechselt.

Fazit
Eine fesselnde Geschichte, oder besser gesagt: drei!
Berichte über Sekten und ähnliche Gruppierungen haben mich schon immer fasziniert. Wie kann man Menschen so sehr beeinflussen, dass sie alles aufgeben und blind an etwas glauben? Wie viel Charisma ist nötig um so überzeugend zu sein? Würde ich einer solchen Gehirnwäsche wiederstehen?
Dieses Hörbuch lässt den Hörer nachdenklich zurück, die Schicksale der drei Frauen sind berührend, aber auch erschütternd. Denn obwohl sie alle fiktiv sind, muss man sich immer wieder bewusst machen, dass Paul Schäfer keinesfalls eine frei erfundene Figur ist, sondern einige Jahrzehnte lang um die 300 Mitglieder auf dem Areal der Colonia Dignidad festgehalten, gefoltert und missbraucht hat.

Anja Jonuleit erzählt sehr einfühlsam und trifft den Ton der drei unterschiedlichen Frauen perfekt, sie verpackt die Geschehnisse in eine runde Geschichte, sodass man zwar informiert wird, aber nicht das Gefühl hat, man lauscht einer sachlichen Reportage.

Ich empfehle das Hörbuch/Buch jedem, egal ob Anfang 20, Mitte 50 oder Ende 70, die Geschichte ist nicht nur fesselnd und aufklärend, sondern auch gesellschaftlich relevant.

Erschienen bei D-A-V

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Autorin / Autor: Laura Boe - Stand: 25. Juli 2016