Krasshüpfer

Autor: Simon van der Geest
übersetzt von Mirjam Pressler

Buchcover

Früher einmal, da waren der inzwischen elfjährige Hidde und sein drei Jahre älterer Bruder Jeppe die besten Freunde. Aber früher ist inzwischen mehr als drei Jahre her. Früher, das war, bevor der Vater der Jungen sich aus dem Staub gemacht hat und ihr ältester Bruder Ward an einem epileptischen Anfall gestorben ist. Seither schikaniert Jeppe Hidde, wann immer er kann, und die Mutter der beiden stürzt sich in ihre Arbeit, ist aber für ihre Söhne kaum jemals ansprechbar. So bleibt Hidde als einziger Zufluchtsort der geheime Keller unter dem Schuppen im Garten des neuen Hauses, von dem nur er und Jeppe etwas wissen, denn einst war er das gemeinsame Geheimnis aller drei Brüder. Dort bewahrt Hidde seine Insektensammlung auf, die ihm mehr bedeutet als alles andere.

Nun aber verkündet Jeppe aus heiterem Himmel, dass er den Keller als Probenraum für sein Schlagzeug nutzen wolle, und er befiehlt Hidde, seine Insekten innerhalb von zwei Wochen aus dem Weg zu schaffen. Betteln oder gute Argumente sind zwecklos, und auch alle Versuche, den Keller brudersicher zu machen, scheitern. Hidde ist verzweifelt, doch noch gibt er nicht auf, sodass ein regelrechter – und keineswegs zimperlicher – Bruderkrieg entbrennt: Hidde versucht, den Keller mit Schlössern und selbstgebauten Fallen zu sicher, Jeppe bricht immer wieder ein, zerquetscht oder ertränkt einige von Hiddes Schützlingen und schreibt seinem kleinen Bruder Drohbriefe. Auch ansonsten geht in Hiddes Leben so einiges schief: Seine Mitschülerin Lieke, für die er ein wenig schwärmt und die er mit selbstgezüchteten rosafarbenen Schmetterlingen zu beeindrucken versucht, himmelt plötzlich ausgerechnet Jeppe an, und die Mutter der Jungen wird aufgrund ihrer immer gravierenderen Depressionen von ihrem Chef auf die Straße gesetzt. Als sie daraufhin beschließt, ihre Söhne – von deren Spannungen sie absolut nichts wahrzunehmen scheint – für zwei Nächte allein zu lassen, um in einem Ferienhaus etwas Abstand zu gewinnen, eskaliert die Situation. Doch manchmal muss es erst brenzlig werden, damit Augen sich öffnen und ein schlimmes Geheimnis, das alle Beteiligten von innen zerfrisst, ans Tageslicht kommen kann ...

Rückblickend betrachtet, wenn ganz am Schluss des Buches alle Handlungsstränge zusammenlaufen und Hiddes und Jeppes traumatisches Geheimnis gelüftet worden ist, erweist sich der Roman als raffiniert konzipierte und schlüssige Dokumentation des Zerbrechens einer Familie an einem tragischen Unglück. Auch während der Lektüre entwickelt die Geschichte eine gewisse Faszination, doch ein echtes Lesevergnügen stellt sich nicht ein: Es überwiegt eine ausgesprochen deprimierende Stimmung, und insbesondere für jüngere Leser erscheint die physische wie psychische Brutalität, mit der die Brüder ihren Kampf führen – von brutal ertränkten und zerquetschten Käfern bis zu Gewaltandrohungen und schließlich tatsächlichen körperlichen Angriffen – nicht nur bisweilen übertrieben, sondern tatsächlich emotional belastend. Zumal das Ende keine überzeugende Besserung in Aussicht stellt – zwar scheint die depressive Mutter erstmals wieder bereit, sich ihren Problemen zu stellen und auch für ihre Söhne da zu sein, doch Jeppe weigert sich weiterhin, die Wahrheit zu sagen, und Hiddes Geschichte schenkt kaum jemand Glauben. So bleibt bei allem pädagogischen Mehrwert, dem man dem Buch womöglich attestieren kann, am Ende ein schaler Nachgeschmack und eine gewisse Bitterkeit zurück; zweifelsohne ein interessanter, nicht aber zwingend angenehmer Text, und wohl eher für Leser ab vierzehn denn ab elf Jahren, wie es der Verlag empfiehlt.

Erschienen bei: Thienemann

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Autorin / Autor: fabienne - Stand: 3. Februar 2016