Maskenkind

"Als jemand meinte, ich hätte so weibliche Rundungen bekommen, fing ich an, tagelang nichts zu essen, ich wollte diese Kurven nicht, ich wollte nicht angefasst werden, und ich wollte nur noch verschwinden… Ein Mädchen erzählt über ihre Bulimie.

Es regnet, leise, sanft berühren die Tropfen meine Haut, umschließen mich mit einem Hauch aus Tränen, ich blicke auf das andere Gebäude, weiß, leer, leblos. Wie ich. Tausend Wunden am Körper, doch ich spüre sie nicht, weil ich sie mit Essen kompensiere, Essen, das danach wieder aus mir raus muss. Es gibt einen Preis dafür, wenn man alles verdrängen will, wenn man jeden Tag eine neue Maske aufsetzt, nur um die Leere nicht mehr zu spüren…

Die Fakten
Es gibt erschreckende Fakten zur Magersucht und Bulimie, laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts in Berlin leidet jedes fünfte Kind zwischen 11 und 17 Jahren an Symptomen einer Essstörung, insgesamt sind das 1,4 Millionen Menschen. Und weit mehr als die Hälfte der befragten 13- bis 14-Jährigen gaben zu, besser aussehen und dünner sein zu wollen. Betroffen sind vor allem Mädchen. Und selbst wenn man die Magersucht und Bulimie überwunden hat, heißt das nicht, dass diese keine Folgen haben. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) sterben bis zu 15 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter an den Auswirkungen einer Essstörung. Das ist bei 1,4 Millionen betroffenen Menschen alles andere als eine geringe Zahl. Deshalb ist die Kampagne der Bundesregierung gegen den Schlankheitswahn ein guter Anfang, aber reicht noch lange nicht aus, denn die Medien sind bei der Entstehung zweitrangig, der Selbsthass beginnt oft in der Familie und ebnet den Bildern in den Medien erst den Weg. Auch die frauenpolitische Fraktionssprecherin der Grünen, Irmgard Schewe-Gerigk, warnte, dass die Initiative nicht ausreiche.

Wie es bei mir anfing
Meine Geschichte ist geprägt von einer zerstörten Familie und der Bulimie. Und um anderen vielleicht zu helfen, sich nicht in die Bulimie zu stürzen, erzähle ich sie auch. Als ich 14 war, wusste ich noch gar nicht, was Bulimie ist. Ich fing nur an alles in mich hineinzustopfen, als Halt, als Trost, als täglicher Ablauf, denn einen anderen hatte ich nicht mehr. Meine Eltern versanken nach der Trennung im Chaos und schon vorher war ich für alle in der Familie da, ich tröstete, putzte und räumte auf, ohne eigene Trauer oder Schwäche zuzulassen. Ich habe viel Grausames gesehen und erfahren, das ich nicht öffentlich machen möchte, aber die seelischen Verletzungen sind schlimmer als alle körperliche Gewalt, die unter meinen Eltern herrschte. Ich wollte perfekt sein, aber irgendwann hatte ich nicht mehr die Kraft alles zu erfüllen, meine Mutter erwartete dies, aber nachdem wir nur noch zu dritt waren, meine jüngere Schwester, ich und meine Mutter, wollte ich für sie weiterhin ihr seelischer Beistand, sein, ich wollte auch alles im Haushalt schaffen, aber gleichzeitig stiegen die Erwartungen in der Schule und der Selbsthass fraß sich immer mehr in meine Seele, weil ich nicht perfekt sein konnte. Weil ich durch das Essen immer dicker wurde.

Ich wollte nur noch verschwinden…
Als es bei uns zu Hause jeden Tag Streit gab und meine Mutter und meine Schwester immer wieder sagten, wie dick, undankbar, dumm, faul etc. ich wäre, sagte ich irgendwann gar nichts mehr und habe angefangen zu brechen, Schlankheitspillen zu nehmen und chinesische Abnehmtees zu trinken. Ich war mir nichts wert, ich wollte mich nur bestrafen, dass ich nicht das schaffte, was ich meiner Meinung nach schaffen musste. Ich gab mir sogar die Schuld dafür, dass einige meiner alten Freunde mich mobbten, und ich wehrte mich nicht. In meinen Augen hatte ich alles Schlechte verdient, ich gönnte mir nichts, fragte nicht um Hilfe, und Tag für Tag hielt ich die Kommentare meiner Mutter aus. Niemand hat etwas gemerkt, auch nicht in der Zeit, als ich mir völlig überflüssig vorkam und nicht mehr leben wollte. Ich kannte keinen anderen Weg als zu essen und zu brechen, um meine Masken einmal abzusetzen, einmal meine Gefühle auszudrücken. Vor allem als jemand meinte, ich hätte so weibliche Rundungen bekommen, fing ich an, tagelang nichts zu essen, ich wollte diese Kurven nicht, ich wollte nicht angefasst werden, und ich wollte nur noch verschwinden…

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Autorin / Autor: Anonym, - Stand: 19. März 2008
 
 
 

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