23 Uhr 12 – Menschen in einer Nacht

Autorin: Adeline Dieudonné
Aus dem Französischen von: Sina de Malafosse

Zum Inhalt
„23 Uhr 12 – Menschen in einer Nacht“ ist ein literarisches Werk der belgischen Schauspielerin und Schriftstellerin Adeline Dieudonné. Mithilfe von einzelnen Kurzporträts führt sie die Leser_innen zu einem dramatischen Höhepunkt und die zwölf Kapitel haben es in sich: es sind detaillierte Beschreibungen von Menschen (zum größten Teil), die irritieren, aber auf eine Art, die Lust auf mehr macht.

Chelly, Sebastién, Alika, Julianne, Loïc, Olivier, Julie, Red Apple, Antoine, Victoire, Monica und Joseph sind die Protagonist_innen des Buches wie auch die einzelnen Kapitelüberschriften. Hinter jedem der Namen verbirgt sich eine Erzählung mit unvorhersehbar schrägen Ereignissen. Wie man es aus ähnlich strukturierten Büchern kennt, stehen die Erzählstränge bis auf das Endkapitel nicht unbedingt in Zusammenhang. Es handelt sich um teils brutale, teils fast ekelhafte, aber allesamt sehr intime Einblicke: Man erfährt beispielsweise, warum Victoire einen so extremen Hass gegen Delphine empfindet, dass sie bereit ist, eine neunzehnstündige Autofahrt zu einem Massenermordungsritual dieser auf sich zu nehmen. Oder wieso Antoine das Pferd Red Apple im Anhänger des kleinen Transporters mitführt. Oder auch, was sich in Chellys Kofferraum versteckt als sie bei der Autobahntankstelle Halt macht. Die Tankstelle: der Ort, an dem zuletzt alle Hauptfiguren zusammengeführt und zu Zeug_innen eines weiteren traumatischen Ereignisses werden.

Für ihren außergewöhnlichen Schreibstil ist Dieudonné seit ihrem Bestseller-Debütroman „Das wirkliche Leben“ bekannt. Ein Stil, den sie auch in „23 Uhr 12 – Menschen in einer Nacht“ fortführt. Das Buch lässt sich irgendwo zwischen Thriller, Erotikroman und Dystopie mit surrealistischen Elementen einordnen, die Hoffnung auf etwas Positives verfliegt nach den ersten Kapiteln. Implizit ist erkennbar, dass die Autorin Gewalt an Mensch und Tier in der Gesellschaft kritisiert, auch wenn das Buch keine Lösungsansätze bietet.

Meine Meinung
Ich war begeistert von dem Roman. Adeline Dieudonné schafft es trotz der kurzen Kapitel, die Leser_innen ganz nah an die Protagonist_innen heranzuholen und an die Gründe hinter ihrem Handeln. Ja, es ist pessimistisch und dunkel. Aber die originelle und bilderreiche Art zu schreiben, zieht in den Bann und man kann es nicht abwarten, eine Geschichte nach der anderen zu lesen – und nie kann man erahnen, was einen als nächstes erwarten wird. Manchmal ist man so schockiert, dass man kurz eine Pause machen muss, um das Gelesene zu verarbeiten. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht Jeder/m gefällt, aber mit mir hat die Autorin einen neuen Fan dazugewonnen. Einziges Manko: Das Ende kommt zu schnell und es bleiben viele offene Fragen, doch dass Einiges unerklärt bleibt, macht das Buch gleichzeitig so einzigartig. Alles in allem sehr zu empfehlen, aber definitiv keine Lektüre zum Entspannen!


Erschienen bei dtv

Autorin / Autor: Konstantina - Stand: 27. Juni 2022