Wunschdiagnose ADHS?
Österreichische Studie zur Wahrnehmung psychischer Probleme unter dem Einfluss von Socialmedia
Es ist ein Segen, dass es heute mehr Wissen zu psychischen Erkrankungen gibt und diese nicht mehr totgeschwiegen werden. Es ist ebenfalls ein Segen, dass Informationen zu diesen Erkrankungen leichter zugänglich sind und Betroffene darum auch eher Zugang zu Hilfe erhalten.
Die Kehrseite ist, dass soziale Medien nicht selten Fehlinformationen verbreiten und psychische Probleme falsch darstellen. Das kann dazu führen, dass junge Menschen sich als krank einschätzen, obwohl sie es möglicherweise gar nicht sind, und sich aufgrund dieser Informationen auf eine bestimmte Diagnose fixieren.
Eine aktuelle Studie der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems) hat nun 93 in Österreich zugelassene Klinische Psychologinnen und Psychologen dazu befragt, ob junge Menschen vermehrt mit bestimmten Erwartungen an das Ergebnis der Untersuchung oder gar "Wunschdiagnosen" zu ihnen kommen.
Die Befragung der Fachkräfte zeigt, dass das Phänomen inzwischen recht verbreitet ist. Die befragten Expert:innen berichteten, Selbst- und Wunschdiagnosen kämen „häufiger“ oder „viel häufiger“ vor als früher. Nur eine kleine Minderheit nahm keine Veränderung wahr, und nahezu niemand beobachtete einen Rückgang. In beiden Kategorien dominierten klar ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, andere Störungsbilder wurden deutlich seltener genannt. Als typische Gruppe beschrieben die Befragten vor allem weibliche Personen mit höherer Bildung und intensiver Nutzung von Online-Medien.
Eine Diagnose macht Scheitern erklärbar
„Viele junge Erwachsene kommen heute nicht mehr mit einer offenen Frage wie: ‚Was ist los mit mir?‘“, sagt Dr. Gloria Mittmann, MSc, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Transitionspsychiatrie. „Sie kommen mit einer sehr konkreten Diagnosevorstellung, die sie für sich bereits gewählt haben – oft ADHS oder Autismus – und mit dem starken Wunsch, diese Identität bzw. dieses Label bestätigt zu bekommen.“ Das kann verständliche Gründe haben, so Mittmann: Eine formale Diagnose kann Belastungen im Alltag weniger wie persönliches Versagen erscheinen lassen, sondern als etwas, das benenn- und erklärbar ist. Gleichzeitig steigt damit die Bedeutung der Abklärung der Diagnose. „Wenn eine Diagnose zentral für das Selbstbild geworden ist, kann jede Abweichung zwischen Erwartung und klinischer Einschätzung als zutiefst bedrohlich erlebt werden“, erklärt sie.
Die befragten Expert:innen schilderten, dass Patientinnen und Patienten umfangreiches „Halbwissen“ aus Social Media, Online-Selbsttests oder Gesprächen im Umfeld mitbringen. Das gehe oft mit einer verengten oder verzerrten Vorstellung einher, wie die Kriterien einer Diagnose wirklich aussehen und auch mit der Tendenz, Alltagsphänomene als krankhaft zu betrachten. In Fragebögen und Gesprächen wirkten manche Antworten „diagnosegeleitet“: Symptome, die zum gewünschten Label passen, würden betont – auch dann, wenn Entwicklungsgeschichte oder Fremdberichte dieses Bild nicht stützten. Zudem berichteten Fachleute von geringer Offenheit für alternative Erklärungen.
Enttäuscht, wenn nicht die passende Diagnose kommt
Wurde die erwartete Diagnose am Ende nicht bestätigt, waren starke Reaktionen eher die Regel als die Ausnahme – von Enttäuschung und Traurigkeit bis zu Ärger, scharfer Kritik oder „Diagnose-Shopping“, also dem Aufsuchen weiterer Abklärungen, bis die gewünschte Diagnose bestätigt wird. In einzelnen Fällen berichteten Fachleute von explizitem Druck, Befunde abzuändern, oder von Drohungen mit Beschwerden und negativen Bewertungen.
Die Autor:innen der Studie betonen darum die Wichtigkeit, dass Fachpersonen sehr transparent und mit viel Empathie erklären sollten, wie ihre Diagnose zustande kommt und dabei anzuerkennen, dass für manche der Hilfesuchenden die gewünschte Diagnose zu einem Teil der Identität geworden sei.
Insgesamt deuten die Ergebnisse auf einen breiten Wandel hin: Für viele junge Menschen sind Diagnosen wie ADHS oder Autismus nicht mehr nur klinische Kategorien, sondern auch soziale Identitäten, die Zugehörigkeit und Anerkennung vermitteln. Die klinische Praxis sollte darauf reagieren – etwa indem Selbstdiagnosen und Wunschdiagnosen in Aus- und Fortbildung systematisch aufgegriffen werden und Fachkreise sich aktiver mit Online-Mental-Health-Kulturen auseinandersetzen.
Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien und dem Universitätsklinikum Tulln, einem Lehr- und Forschungsstandort der KL Krems.
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 2. Februar 2026