Wir glauben, was wir glauben wollen

Studie zur Bewertung von Informationen in der Corona-Pandemie

Maskenpflicht, ja, nein. 2G, 3G, R-Wert, Inzidenz oder Hospitalisierungsrate? In der Coronapandemie gab und gibt es immer wieder Kontroversen, Unsicherheiten und widersprüchliche Aussagen. Für die Einzelnen ist es oft schwierig, die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen einzuschätzen und deren Wirkung nachzuvollziehen. Wie gut es da doch wäre, wenn alle über den aktuellen Stand der Forschung informiert wären und ihr Verhalten danach ausrichten würden. Oder?

Forscher_innen der Universität Würzburg glauben, dass Information alleine nicht genügt, denn wir neigen dazu, zu glauben, was wir glauben wollen. Informationen, die wir zu Corona erhalten, werden von uns nicht unbedingt objektiv bewertet, sondern von unserer Einstellung beeinflusst. Wir lesen in den Informationen, was wir vorher schon zu wissen glaubten.

Das Team um Dr. Fabian Hutmacher und Prof. Markus Appel von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie Dr. Regina Reichardt von der Universität Regensburg wollten herausfinden, wie Menschen pandemiebezogene Informationen verarbeiten und wählten für ihre Studie ein kontroverses Thema: die Maskenpflicht. 417 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den USA haben an der Studie teilgenommen - von radikalen Maskengegnern bis hin zu eindeutigen Befürwortern einer Maskenpflicht. Sie sollten die Ergebnisse von zwei Studien über die Wirksamkeit des Maskentragens in Schulen bewerten. Dabei wurde ihnen zwar gesagt, dass es sich um echte Studien handele; in Wirklichkeit waren diese jedoch erfunden. Eine der Studien zeigte, dass Maskentragen in Schulen zur Eindämmung von Infektionen beitragen kann, während die andere genau das Gegenteil belegte.

Die Ergebnisse der beiden fiktiven Studien wurden den Testpersonen in Form einer einfachen Tabelle präsentiert. Die Tabelle unterscheidet zwischen der Anzahl der Schulen mit und ohne Maskenpflicht sowie zwischen der Anzahl der Schulen, in denen die Zahl der Infektionen gestiegen und in denen sie gesunken ist. Die Teilnehmenden mussten nun angeben, ob diese Zahlen die Schlussfolgerung stützen, dass eine Maskenpflicht an Schulen zu einem Anstieg oder einem Rückgang der Infektionszahlen führt.

Bewertung von der Einstellung beeinflusst
Die Tabellen waren dabei so gestaltet, dass der erste Eindruck leicht in die Irre führen konnte. Wer nur die Zahlen betrachtete und nicht das Verhältnis der Zahlen untereinander, konnte schnell falsche Schlüsse aus der Tabelle ziehen. Als die Testpersonen die gezeigten Daten dann bewerten sollten, zeigte sich auch, dass sie die Zahlen ganz nach ihrer Einstellung zur Maskenpflicht bewerteten.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer Pro-Masken-Einstellung überschätzten die in den beiden fiktiven Studien dargestellten Belege für die Wirksamkeit einer Maskenpflicht, während die Angehörigen der Anti-Masken-Fraktion die Belege für die Wirksamkeit einer Maskenpflicht unterschätzten.

Motiviertes Denken
„In der Literatur wird ein solches Muster üblicherweise als Ergebnis motivierten Denkens interpretiert“, sagt Hutmacher. Motiviertes Denken bezeichnet die Beobachtung, dass menschliche Informationsverarbeitung nicht immer rational und objektiv ist, sondern von den Motiven, Zielen und Einstellungen des Einzelnen beeinflusst wird. Einfach ausgedrückt: Wir neigen dazu, zu den Schlussfolgerungen zu gelangen, zu denen wir gelangen wollen. Da die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie jedoch rationale Entscheidungen und Verhaltensweisen erfordert, könnte dies besorgniserregend sein – so Fabian Hutmacher.

Statistikkenntnisse helfen!
Dennoch bietet die Studie auch einen Grund, optimistisch zu bleiben: Teilnehmende mit besseren Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen und Statistiken bewerteten die beiden fiktiven Studien mit größerer Wahrscheinlichkeit richtig. Statistikkenntnisse helfen also. Dies habe wichtige praktische Auswirkungen: „Kurzfristig scheint es wichtig zu sein, wissenschaftliche Ergebnisse im Rahmen von Covid-19 so zu kommunizieren, dass sie auch für diejenigen leicht verständlich sind, die Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen haben“, lautet das Fazit des Forschungsteams. Und langfristig könne es entscheidend sein, die Ausbildung in Statistik zu verbessern, um so Verzerrungen in der Informationsverarbeitung etwas entgegenzusetzen.

Weil in den Kontroversen um Coronamaßnahmen aber häufig schon die zugrundeliegenden Zahlen und Fakten in Frage gestellt werden, werden diese Maßnahmen wohl auch nicht wirklich verhindern können, dass manche weiterhin glauben, was sie glauben wollen.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion