Hereingefallen auf Fake-Science

Studie ergab, dass Studierende sich oft von nicht relevanten und unzuverlässigen Informationen aus dem Internet verleiten lassen

Kennt ihr bestimmt: Schulbuchtexte lesen ist nicht gerade unterhaltsam und kein Vergleich mit einem witzig gemachten Youtube-Filmchen oder einem anderen Online-Inhalt. Aber stimmen die Informationen dieser Quellen überhaupt? Und wie kann man das überprüfen? Nicht nur Schüler_innen, sondern auch Studierende lernen oft lieber mit Hilfe von Online-Informationen als mit den herkömmlichen Unterrichtsmaterialien der Universitäten. Allerdings haben sie Schwierigkeiten, Informationen aus dem Internet angemessen kritisch einzuschätzen und lassen sich von unzuverlässigen Quellen beeinflussen. Dies ergab eine Studie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und an der Goethe-Universität Frankfurt. „Wir müssen leider feststellen, dass ein großer Teil der Studierenden sich von nicht relevanten und unzuverlässigen Informationen aus dem Internet verleiten lässt, wenn es darum geht, eine bestimmte Aufgabe zu beantworten“, stellt Prof. Dr. Olga Zlatkin-Troitschanskaia von der JGU dazu fest.

Fake News und Fake Science
Lernen übers Internet bietet viele Möglichkeiten, allerdings nicht ohne Risiken, denn im Netz werden nicht nur „Fake News“ verbreitet, sondern es zirkuliert auch „Fake Science“ mit wissenschaftlich nicht korrekten Informationen. Die Problematik betrifft kontrovers diskutierte gesellschaftliche Themen wie aktuell die Corona-Krise, sie geht aber noch viel tiefer. „Eine kritische Grundhaltung allein reicht nicht aus. Vielmehr sind Kompetenzen gefragt, die es Internetnutzern ermöglichen, verlässliche von fehlerhaften und manipulativen Informationen zu unterscheiden. Für Studierende wäre es daher besonders wichtig, Online-Informationen zu hinterfragen und kritisch zu betrachten, um das eigene Fachwissen auf verlässlichen Informationen aufzubauen“, so Olga Zlatkin-Troitschanskaia.

Um den Umgang von Studierenden mit Online-Informationen zu untersuchen, haben Olga Zlatkin-Troitschanskaia und ihr Team einen neuen Test entwickelt, der sich an dem „Civic Online Reasoning“-Assessment der amerikanischen Universität Stanford orientiert. Im Test werden den Probanden kurze Aufgaben präsentiert. Sie sollen dann frei im Internet recherchieren und sich dabei auf relevante und zuverlässige Informationen konzentrieren, um die Testfragen in der vorgegebenen, relativ kurzen Zeit von 10 Minuten zu beantworten. Die Antworten sind dabei jeweils mit Argumenten aus den genutzten Online-Informationen zu begründen.

In die Auswertung der Ergebnisse geht zum einen die Antwort der Probanden auf die Testfrage ein. Zum anderen wird der komplette Rechercheverlauf im Internet während der Aufgabenbearbeitung aufgezeichnet, um Stärken und Schwächen beim Umgang mit Online-Informationen festzustellen. „Wir sehen, auf welchen Seiten die Studierenden recherchiert haben und welche Informationen sie benutzt haben“, sagt Olga Zlatkin-Troitschanskaia. Die Untersuchungen fanden bislang in zwei verschiedenen Bundesländern mit 160 Erst- oder Zweitsemestern verschiedener Fachrichtungen statt, hauptsächlich Medizin oder Wirtschaftswissenschaften.

Der Großteil der Studierenden zog überhaupt keine wissenschaftlichen Quellen zurate
Es zeigte sich: Fast alle Testpersonen hatten Schwierigkeiten mit den Aufgaben. Im Durchschnitt erreichten die Studierenden auf einer Skala von 0 bis 2 Punkten je Aufgabe nur 0,75 Punkte, die Spannweite betrug 0,50 bis 1,38 Punkte. „Der Großteil der Studierenden zog überhaupt keine wissenschaftlichen Quellen zurate“, sagt Zlatkin-Troitschanskaia mit einem Hinweis darauf, dass kein besonderes Fachwissen vorausgesetzt wurde. „Wir untersuchen immer wieder neue Gruppen von Studierenden und die Testung wird auch als Längsschnittstudie fortgesetzt. Seit Beginn der Untersuchungen vor zwei Jahren zeigen sich bislang immer wieder die gleichen Ergebnisse in den wiederholten Testungen, nämlich eine Punkteverteilung im unteren Bereich.“ Allerdings schneiden die Studierenden in den höheren Semestern etwas besser ab, als die im ersten Studienjahr. Die Kompetenzen könnten somit im Studium gefördert werden. In den USA konnte mit gezielten Übungen ein deutlicher Kompetenzzuwachs bereits nach einigen Wochen festgestellt werden.

Die Studie zeigt, dass die meisten Studierenden es nicht schaffen, in der vorgegebenen Zeit die Internetangebote richtig einzuschätzen und relevante Informationen von zuverlässigen Quellen aus dem Internet hinzuzuziehen, um die Testfragen zu beantworten. Allerdings hätten andere Studien gezeigt, dass Studierende die Zuverlässigkeit bekannter Medienportale und Internetangebote sehr wohl angemessen einschätzen können. Darauf sollte man aufbauen und die Kompetenzen fördern, auch neue Quellen und Informationen kritisch einzuordnen und das Internet reflektiert zum Wissensaufbau zu nutzen, so Olga Zlatkin-Troitschanskaia.

Die Forschung sieht Fähigkeiten zum kritischen Umgang mit Informationen und digitalen Quellen als essentiell für das Lernen im 21. Jahrhundert an. Entsprechende Übungsaufgaben und Tests für die Studierenden gibt es aber noch sehr wenige, besonders für den Online-Bereich. „Die RMU-Studie steht mit dem ersten Test dieser Art in Deutschland auch noch am Anfang“, räumt Zlatkin-Troitschanskaia ein. „Wir sind dabei, Lehr-Lernmaterialien und Trainings zu entwickeln und auf ihre Wirksamkeit zu testen. Die Auswertung der Bearbeitungsdaten birgt dafür ein besonders hohes Potenzial, um Studierenden künftig gezielte Förderung anzubieten.“

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