Hauptsache dagegen

Studie der Otto-Brenner-Stiftung zu Fake-News-Anhänger_innen: Aktives Teilen von falschen Informationen wird als identitätsstiftend empfunden

Ob es um Corona-Politik, den Umgang mit Geflüchteten, Genderfragen oder den Klimawandel geht - Verschwörungserzählungen haben Konjunktur. Im Netz, genauso wie im Freundeskreis. Aber wie diskutiert man mit Menschen, die ganz offensichtlich an Falschmeldungen, sogenannte Fake-News glauben, sich selbst als die 'Durchblicker_innen‘ und alle anderen als 'Schlafschafe' definieren? Warum kann man sie selten mit Fakten-Checks und Sachaufklärungen erreichen? Die Otto-Brenner-Stiftung hat sich dieses Phänomen, das vor allem auf Social Media grassiert, genauer angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass die Verbreitung sogenannter alternativer Fakten vor allem als ein Ausdruck politischer Konflikte ernstgenommen werden müsste. Für die Untersuchung „Alternative Fakten im Gespräch – AfD-Diskussionen auf Facebook“ haben die Bremer Wissenschaftler_innen Hannah Trautmann und Nils Kumkar Facebook-Konversationen auf AfD-Accounts qualitativ ausgewertet. Sie suchten bewusst AfD-Seiten aus, da diese nicht nur im Kontext der anstehenden Bundestagswahl als Promoter alternativer Fakten besonders relevant sein dürften, heißt es in ihrer Studie.

Der Inhalt ist nicht so wichtig - die Zugehörigkeit schon
„Am Anfang unserer Untersuchung stand die simple Frage, was Menschen dazu bringt, in Diskussionen in den sozialen Medien alternative Fakten einzubringen“, sagt Autor Nils Kumkar und ergänzt, „relativ schnell wurde deutlich, dass der eigentliche Gehalt der entsprechenden Postings für die Online-Gespräche sekundär ist“. Stattdessen stellte das Forscher_innenduo der Universität Bremen fest, dass die meisten Beiträge als Identitätsbehauptungen behandelt werden: „Das bedeutet, dass es den jeweiligen Kommentator_innen primär darum geht, sich als Teil einer Gruppe darzustellen, die in Fundamentalopposition zu einer wahrgenommenen Mehrheitsmeinung steht“, führt Hannah Trautmann aus. Deshalb verpuffe Kritik an alternativen Fakten in diesen Diskussionen, da nicht inhaltlich argumentiert, sondern stets im Rahmen eines Freund-Feind-Schemas agiert wird: „Lassen Kritiker_innen von ihrer Kritik nicht ab, werden sie aus der ‚Gemeinschaft‘ der Fundamentaloppositionellen ausgeschlossen. So entfaltet sich eine politische Gesprächsdynamik, die sich gegen Sachkritik immunisiert und die Gruppe stabilisiert“, schlussfolgert Trautmann.

Fake-News als Identitäts-Marker
Die Analyse der Facebook-Diskussionen, die auf Material zwischen Februar 2020 und Juni 2021 zurückgreift, macht deutlich, dass diese Mechanismen unabhängig von der konkreten Thematik greifen. Egal, ob es um Gesundheits-, Migrations-, Partei-, Medien- oder Bildungspolitik, oder um Debatten über den politischen Gegner geht, die Wissenschaftler_innen fanden stets das gleiche Muster. Menschen sind nicht gegen die Pandemiebekämpfungspolitik der Regierung, weil sie Falschmeldungen gelesen haben, sondern es ist eher andersherum: Sie teilen alternativen Fakten, um damit ihre Opposition gegenüber dieser Politik auszudrücken. Schaue man sich die Interaktionen zwischen privaten Facebook-Nutzer_innen und der AfD an, so kann man zu dem Schluss kommen, dass einzelne Äußerungen in den öffentlichen Kommentarspalten auf Facebook primär als Identitätsbehauptungen zu verstehen seien und zu einer Art Selbstdarstellungskultur gehörten, erläutern die Forscher_innen. "So konnte festgestellt werden, dass sich die meisten Diskursteilnehmenden im Sinne sogenannter ‚skeptischer Durchblicker_innen‘ an den Diskussionen beteiligen, die die ‚wahren Absichten‘ der Machthabenden durchschauen und Zusammenhänge zu erkennen signalisieren, die den meisten anderen verborgen blieben. In der Art und Weise, wie sie ihre Kommentare formulieren, wird deutlich, dass sie sich darum bemühen, stets diejenigen zu sein, die mutig genug sind, um verbotene oder tabuisierte Positionen zu vertreten und damit die als hegemonial, also vorherrschend, präsentierte Wirklichkeitskonstruktion infrage zu stellen. Sie inszenieren sich in den Diskussionen als unabhängige Geister, die kritisch bis argwöhnisch vermeintlich gängige Annahmen auf der Suche nach den dahinterliegenden geheimen Absichten, Akteuren und Allianzen hinterfragen", so die Studienautor_innen.

Es handelt sich nicht um Missverständnisse
„Wenn sachlicher Inhalt oder unstrittige Fakten nichts zählen – und dies ist zumindest bei den aktiven Teilnehmer_innen der untersuchten Facebook-Diskussionen der Fall – lohnt es sich sicherlich nicht, tiefer in Debatten einzusteigen“, so Jupp Legrand Geschäftsführer der Stiftung. Es sei auch nicht angemessen, die Verbreitung alternativer Fakten nur als ‚Missverständnisse‘ zu bewerten, die man mit besserer Bildung oder mehr Medienkompetenz in den Griff bekommen könnte. Stattdessen sollten demokratische Kräfte Falschmeldungen „als Ausdruck politischer Konflikte ernst nehmen“, wie es im Vorwort zur Studie heißt. Die Studienautor_innen hoffen, dass sich politischer Streit zukünftig wieder an einer gemeinsamen Wirklichkeit ausrichten kann und nicht zu einem bloßen Wettbewerb der Lautstärke verkommt.

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