Wer hat Angst vorm Wutbürger?

Ergebnisse der Gesellschaftsstudie Bürgerproteste in Deutschland

Ob Demonstrationen, Blockaden, Flash-Mobs oder Kiss-ins - kaum eine Nachrichtensendung kommt heute noch ohne die Berichterstattung über irgendeine Protestaktion aus. Doch wer sind die Leute, die ihrem Ärger über Fluglärm, Bahnhofserweiterungen, Bienensterben oder Atommüll Luft machen? Vor 20 bis 30 Jahren wurden sie nichts selten als "Chaoten" oder "Demo-Touristen" diffamiert, heute kommen sie nicht nur aus der Mitte der Gesellschaft, sondern sind zumeist gebildet und nicht mehr unbedingt im Jugendalter.

Das Göttinger Institut für Demokratieforschung unter der Leitung von Professor Franz Walter schickte im vergangenen Jahr SozialwissenschaftlerInnen durch die Rupublik, die herausfinden wollten, welche Beweggründe, Einstellungen und Motive die AktivistInnen antreiben. Sie beobachteten Demonstrationen, Mahnwachen und Versammlungen und führten Einzel- als auch Gruppengespräche durch, die ein interessantes Bild des Demonstranten und der Demonstrantin von heute zeichnen.

Männlich und unzufrieden
Laut den Forschern ist der typische Protestler offenbar männlich, kinderlos, gebildet und unzufrieden mit dem jetzigen Zustand der Demokratie. So waren 70 Prozent der befragten AktivistInnen männlich und nur 30 Prozent weiblich. Wie es in der Zusammenfassung der Studie heißt, "fanden sich auffällig viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Pastoren, Schüler, Lehrer und – ganz besonders – Vorruheständler, Rentner, Pensionäre" unter den Interviewpartnern. Aktive Frauen fanden die SoziologInnen hauptsächlich in Initiativen im Bildungs- und Schulbereich. Hier seien sie mit rund 75 Prozent sogar die Hauptakteurinnen. Zwar würden Kinder und Beruf das Engagement von Frauen behindern, dennoch seien die eigenen Kinder für Mütter oft Brücken zum Engagement – eben im Bereich von Erziehung und Bildung, so der Bericht des Instituts für Demokratieforschung.

Gebildet und bürgerlich
Der Demonstrant von heute zählt nicht unbedingt zu den „kleinen Leuten“, 55 Prozent der Befragten haben einen Studienabschluss oder sogar promoviert. Dabei sollen neuerdings besonders Ingenieure den Ton angeben. "Während in den Oppositionsbewegungen der siebziger Jahre typischerweise der (angehende) Sozialwissenschaftler den Ton angab, sind es heute die eher technisch geprägten Berufe", schreiben die Studienautoren. Besonders wenn es um Fragen der Energiewende, Infrastruktur und Stadtentwicklung gehe, mischten sich zunehmend Ingenieure, Techniker, Informatiker und Biologen ein.

Wenig religiös
Was die Werteeinstellung und die Religiösität betrifft, stellten die Wissenschaftler fest, dass viele Initiativen sich zwar in kirchlichen Räumen treffen und organisieren, aber mehr als die Hälfte der Befragten keiner Kirche angehört. Etwas mehr als ein Viertel gaben an, evangelisch zu sein, darunter allerdings viele Pastoren.

Wutbürger
Insgesamt ergaben die Interviews der Göttinger Demokratieforscher wenig charmante Charakterzüge der AktivistInnen. So sei zum Beispiel ständig der Vorwurf gefallen, dass wir in einer "Scheindemokratie" leben, und Parteien nichts weiter seien als "Sammelstätten von Karrieristen und Postenjägern – abgehoben, inkompetent, weltfremd, von Medien und Lobbygruppen manipulierbar." Nach Gegenentwürfen gefragt, seien zwar Volksentscheide, Basisdemokratie oder Direktwahlen genannt worden, aber für die Forscher klang das wohl zu "leidenschaftslos".

Die Studie wurde vom Konzern BP gefördert und am Mittwoch in einer Pressekonferenz vorgestellt, am 8. Februar erscheint sie bei Rowohlt als Buch.

Die Studie im Überblick

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Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 31. Januar 2013
 
 
 

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