Von Pinguinen mit Flugscham

Fliegen ist schlecht für die Umwelt. Das wissen eigentlich die meisten und doch setzen wir uns immer wieder voller Scham ins Flugzeug. Aber warum ist Fliegen eigentlich so schlecht? Und was kann man dagegen tun?

Der Sommer nimmt gerade so richtig Fahrt auf, das Eis schmeckt schon hervorragend, die Tage im Park oder im Schwimmbad sollen am liebsten niemals enden. Doch dann und wann schleicht sich ja doch die Sehnsucht ein. Nach fernen Stränden und alten Städten, langen Wanderungen oder aufregenden Abenteuern, nach Urlaub eben. Also den Koffer packen, die Blumen bei den Mitbewohner_innen unterstellen und nichts wie los?
Viele, die diesen Sommer in den Urlaub fahren wollen, stehen vor einem großen Dilemma. Denn wo soll die lang ersehnte Reise nur hingehen? Spanien, Portugal oder Italien? Oder wie wäre es stattdessen mal mit einem Trip in die Arktis? Oder ans Great Barrier Reef? Wer eines der beiden letzteren Ziele ansteuert, sollte sich beeilen. Schließlich ist unklar, wie lange sie noch von neugierigen Tourist_innen begutachtet werden können.

Heiße Urlaubspläne
Seit über einem Monat steht die Arktis in Flammen. Und auch in den Regionen rund herum sieht es nicht besser aus. Dass Teile der Arktis oder der angrenzenden Taiga brennen ist zwar an sich nicht ungewöhnlich, erschreckend ist jedoch das Ausmaß, in dem sich die Feuer ausbreiten. Sowohl Flächen- als auch zeitmäßig knackt der Brand alle Rekorde.
Also vielleicht doch kein Flug in den hohen Norden buchen, sondern lieber in den Süden fliegen? Das Great Barrier Reef vor Australien zum Beispiel gilt als eines der aufregendsten Schnorchelparadise weltweit. Doch von der einstigen Korallenpracht ist nur noch ein Teil zu bestaunen. Immer mehr der Korallen sterben ab, neue wachsen kaum nach.

Sowohl die brennende Arktis als auch das sterbende Great Barrier Reef sind Zeugnisse der menschlichen Umweltverschmutzungen. Egal, welche Internetseite zu dem Thema man aufruft, als eine der Hauptursachen taucht immer das Flugzeug auf, das uns bequem an einen anderen Ort bringen soll. Denn Flugzeuge verbrennen wahnsinnig große Mengen an Treibstoff und sind für eine riesige Menge an CO2 und Feinstaub verantwortlich. Wer in den letzten paar Wochen und Monaten eine Zeitung aufgeschlagen hat, dem ist in diesem Zusammenhang immer wieder das Wort „Flugscham“ entgegengesprungen. Den Journalist_innen zufolge, die mit diesem Begriff im Moment nur so um sich werfen bewirkt Flugscham vor allem zwei Dinge. Einerseits, dass man nur noch mit dem Zug nach Italien oder nach Spanien reisen mag. Andererseits, dass man zumindest sofort beteuert, eine CO2 Kompensation bezahlt zu haben. Es ist also die Scham, etwas zu tun, obwohl die meisten von uns eigentlich wissen, dass es wirklich schlechte Auswirkungen für unsere Umwelt hat.

Beschämtes Abheben
Dabei lassen sich die Menschen, die dazu zu Wort kommen meist in zwei verschiedene Lager einteilen. Auf der einen Seite sind die Vielflieger_innen. Also Menschen, die gerne mal von München nach Norddeutschland jetten, das Ferienhaus irgendwo in der Südsee regelmäßig aufsuchen und für die ein Urlaub auf jeden Fall mit einer Gepäckkontrolle beginnen muss. Auf der anderen Seite sind die, die gar nicht fliegen. Die Flugzeuge und jene, die sie nutzen, verdammen oder zumindest nicht gutheißen und die, naja, am Boden bleiben. Das ist auch der Name einer Initiative, die in den letzten Tagen sowohl ein Bekennervideo als auch ein Schreiben über ihre Kanäle verschickt hat. Darin behaupten die als Pinguine verkleideten Aktivist_innen, dass ihnen zuzuschreiben sei, dass der BER bis heute nicht eröffnet wurde. In dem Video sieht man Pinguine, die sich an Plänen für Rolltreppen und Stromkabeln zu schaffen machen und, so die Botschaft, damit dafür sorgen, dass weniger Menschen sich in die Lüfte erheben.

Aber sind Flugzeuge wirklich so viel umweltschädlicher, als andere Verkehrsmittel?
2016 veröffentlichte die Böll Stiftung einen Beitrag rund um das Thema CO2, Verkehrsmittel und Treibhausgase. Aus diesem geht hervor, dass der Verbrauch von Kerosin pro Kopf und 100 Kilometer im Jahr 2014 geringer war, als noch im Jahr 1990. Das klingt ja erstmal super, mag jetzt die eine oder der andere denken. Denkste! Schließlich stieg zwischen 1990 und 2014 auch die Zahl der Köpfe, die mehrere 100 Kilometer in der Luft zurücklegte. Flugzeuge bleiben die absoluten Spitzenreiter, was den Ausstoß von Treibhausgasen angeht.
Und an dieser Stelle beginnt das eigentliche Dilemma. Auf der einen Seite sind Forderungen, den Flugverkehr einzudämmen mehr als nachvollziehbar und passen gut zu dem aktuell wachsenden Bewusstsein, dass der Klimawandel uns alle etwas angeht. Auf der anderen Seite ist die bloße Aufforderung an Verbraucher_innen, in Zukunft doch auf Flugreisen zu verzichten, zu kurz gedacht.

Denn wer sucht, der stößt bei der Planung für den Sommerurlaub auf einen nicht zu unterschätzenden Faktor: Das Geld. Wer mit Bahn und gegebenenfalls noch Bus versucht, nach Italien zu gelangen, ist nicht nur mehr als fünfmal so lange unterwegs, sondern zahlt auch schnell mehr als doppelt so viel. Was ist mit denen, die keine 100 Euro für eine Bahnfahrt ausgeben können, oder keine 3 Wochen Urlaub bekommen, so dass eine zweitägige An- und Abreise direkt den halben Urlaub frisst? Die Alternative, einen günstigen Flug zu buchen, ist in dem Moment für viele Menschen einfach verlockend.
Natürlich, niemand wird dazu gezwungen, sich in ein Flugzeug zu setzen und damit einmal quer über den Atlantik zu düsen. Wer Zeit und Lust auf Wanderungen hat, der findet bestimmt auch unweit des eigenen zu Hauses einen Wald, durch den es sich hervorragend stapfen lässt. Das ändert aber nichts an dem strukturellen Problem, das in Bezug aufs Fliegen vorliegt. Denn wenn Flüge einfach nur teurer werden, dann exkludiert man dadurch diejenigen, die sich die gestiegenen Preise nicht leisten können. Diejenigen, die genug Geld haben, können weiterhin fröhlich um den Globus jetten. Zumal schon heute nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung es sich überhaupt leisten kann, abzuheben.

Mach den Pinguin
Die Pinguine von „Am Boden bleiben“ fordern, dass andere Menschen es ihnen gleich tun und nicht ins nächstbeste Flugzeug hüpfen. Neben den klimaschädlichen Folgen durch den CO2 Ausstoß betonen sie vor allem die Lärm- und Feinstaubbelastung, denen Nachbar_innen von Flughäfen ausgesetzt sind. Als einen der Hauptverursacher prangern sie Inlandsflüge an. Vermutlich auch, weil gerade hier einfache Alternativen auf der Hand liegen. Schließlich sind die meisten deutschen Großstädte inzwischen durch Bus und Bahnverkehr gut vernetzt.

Als eine Lösung, die nicht automatisch auf Kosten derjenigen geht, die ohnehin schon eine knappere Urlaubskasse haben, fordert „Am Boden bleiben“ den europaweiten Ausbau von Schienennetzen und Bahnverbindungen, sowie eine Senkung der Fahrkartenpreise für die Bahn. Darüber hinaus fordern sie eine personenbezogene Vielfliegerabgabe. Das heißt, dass die zu bezahlenden Abgaben mit jedem Flug steigen und man, je öfter man fliegt, desto mehr für die zurückgelegte Strecke bezahlt. Familien, die alle paar Jahre eine Strecke mit dem Flugzeug zurücklegen, würden dadurch deutlich weniger bezahlen als die Ferienhausbesitzerin, die sich mehrmals im Jahr in die Luft erhebt. Für sie würde das fünfte Ticket dieses Jahr deutlich mehr kosten, als das erste.

Und was wird jetzt aus dem Sommerurlaub?
Wer Zeit und Geduld hat, die kommt auch auf anderen Wegen, als durch die Luft, in die Ferne. Eine ideale Lösung, die soziale Ungleichheiten nicht weiter wachsen lässt und gleichzeitig für einen Emissionsrückgang sorgt, gibt es auf politischer Ebene leider noch nicht. Aber wer weiß, was die Vögel mit dem kühlen Kopf sich noch alles so einfallen lassen, um die Politik auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen… ;-)

Und wo geht es bei dir im Urlaub hin?
Autorin / Autor: Karla Groth - Stand: 31.07.2019
 
 
 

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