Verwundbar

SoziologInnen erforschen die „Generation 9/11“

Bild: Luise Weber

Wer in den letzten Jahrzehnten in Europa oder in den USA geboren und aufgewachsen ist, ist in der Regel verwöhnt von Wohlstand und Frieden. Doch wie schnell sich solche Welten ändern können, wurde spätestens am 11. September 2001 klar, dem Tag, als Selbstmordattentäter der Terrororganisation al-Qaida mit entführten Flugzeugen in das World Trade Center in New York flogen und dabei 3000 Menschen töteten. Vielen sind die erschütternden Bilder der einstürzenden Twin-Towers noch präsent. Doch beeinflussen die Ereignisse auch das Lebensgefühl einer ganzen Generation? WissenschaftlerInnen der Universität Duisburg-Essen (UDE) gehen dieser Frage länderübergreifend nach: Vor zwei Jahren startete in Deutschland eine Pilotstudie, nun liegen erste Ergebnisse aus den USA vor.

Die SoziologInnen fanden heraus, dass junge Menschen hierzulande zu den Terroranschlägen durchaus einen persönlichen Bezug haben: „Sie sind davon sehr mitgenommen und stark geprägt“, so Dr. Daniela Schiek. Nun sucht sie den Vergleich zu 30- bis 40-jährigen US-Amerikanern, will klären, ob es eine eigene „Generation 9/11“ gibt. Gerade jene Altersgruppe ist in ihren Augen interessant, da sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nie kollektive Gewalt erfahren, aber bereits ein gefestigtes Weltbild hatte. Welche Einsichten haben sie gewonnen; welche gesellschaftlichen Herausforderungen sehen sie? Beeinflusst die abstrakte Weltpolitik das eigene Leben?

Ende der Unschuld
Die ForscherInnen befragten unterschiedliche Gruppen in Washington und New York: Afghanistan-Veteranen, (ehemalige) MitarbeiterInnen der Bush-Administration sowie links-liberale PolitikberaterInnen und einfache ArbeiterInnen. Sie wollten wissen, ob die Attentate für sie eine biographische Wende darstellten und erhielten drei zentrale Ergebnisse: Das erste ist, dass diese Altersgruppe sich weltpolitisch nicht mehr unbeteiligt sehen kann. „For me it was the end of holiday – holiday from history“, sagt ein Befragter, als „Ende der Unschuld“ bezeichnen es andere. „Das ist auch körperlich gemeint: Sie fühlen sich verwundbar, da sie urplötzlich Waffen, Ziele und Opfer weltpolitischer Konflikte werden können“, übersetzt Schiek.

Zweitens wurde vielen bewusst, dass der amerikanische Lebensstil sehr verwundbar ist. „Hier geht es um moralische Gewissheiten und persönliche Lebensführungen, die – nachdem sie den Kalten Krieg überdauert hatten – erschüttert und in Frage gestellt sind.“

Und drittens hat sich durch die Anschläge der Blick auf Migration verschoben. „Vor allem in den multikulturellen Städten gehören Einwanderer elementar dazu. Doch Debatten darüber, wer alles Amerikaner ist, irritieren das soziale Gefüge und entsprechende Einstellungen“, so Schiek. Freundes- und Familienkreise haben sich diesbezüglich spürbar verändert.

Die neuen Ergebnisse seien vergleichbar mit der hiesigen Pilotstudie: „Auch in Deutschland deute sich das politische Aufwachen einer friedensverwöhnten Generation an. Wir sehen, dass die amerikanische Kultur ein wichtiges und streitbares Thema ist. Und hier haben sich ebenfalls die Beziehungen zu Migranten verändert“.

Diese Aspekte will die Universität weiter verfolgen und umfassend untersuchen - gemeinsam mit Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen. Auf verschiedenen Ebenen sollen Vergleiche u. a. zu älteren Generationen gezogen werden; ebenso geht es um den Blick auf und von Migranten.

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Autorin / Autor: Redaktion /Pressemitteilung - Stand: 5. September 2014
 
 
 

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