Therese - Das Mädchen, das mit Krokodilen spielte

Autor: Hermann Schulz

„Therese - Das Mädchen, das mit Krokodilen spielte“ ist ein 2021 erschienener Roman des deutschen Schriftstellers Hermann Schulz (geb. 1938), in welchem Leser_innen dem (Er)Leben von Therese, als von Afrikanern in Wuppertal Geborene, folgen - vor dem Hintergrund historischer Realitäten von Kolonialherrschaft, Krieg und Rassismus.

Therese kommt als Kind von für Völkerschauen nach Deutschland gereisten Togolesen zur Welt und wird von ihrem Vater Nayo William vorläufig dem sozialdemokratischen Fritz und der frommen Helene Hufnagel anvertraut. Zu diesen baut das Mädchen eine enge Bindung auf und trotz kritischer Blicke und Stimmen stehen die bisher kinderlosen Pflegeeltern stolz hinter der Entscheidung, Therese als Pflegekind aufgenommen zu haben und hinter dieser, als sie aufwächst und ihr das „Anderssein“ immer stärker bewusst (gemacht) wird. Mit einem scheinbar wesensstarken Charakter übersteht sie rassistische Bemerkungen aufgrund ihrer Hautfarbe - wenn auch nicht unberührt davon – und tritt mutig fremden und ungewissen Situationen entgegen, auch als es eines Tages heißt, sie solle bald mit ihrer afrikanischen Familie abreisen.

Als begabte Schülerin erhält Therese später über die örtliche Diakonie einen Ausbildungsplatz im Erziehungs- und Pflegebereich und wird - trotz der die Umstände erschwerenden Kriegszeiten - zuletzt eine angesehene Person im Waisenkinderheim in Groß Borstel. Mit ehemaligen Ausbildnerinnen bleibt sie stets in freundschaftlichem Kontakt. Während ihre Familie aus Togo in Russland verschollen bleibt, macht Therese einige identitätshinterfragende und zuletzt wegweisende Bekanntschaften: Sie lernt ihren als Musiker und Junggesellen lebenden Bruder Kodjo sowie den Universitätsmitarbeiter und ebenfalls Togolesen Jonathan Camara kennen, durch welche sie sich ihren afrikanischen Wurzeln nähert, oder auch den jüdischen Buchhändler Rosenbaum. Mit Hitlers Kanzlerernennung stellt sich zuletzt für sie alle die Frage, ob ein Leben und Überleben in Deutschland möglich ist.

Die Geschichte von Therese spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Hauptschauplätze sind dabei vor allem das damalige Elberfeld, wo sie bei den Hufnagls lebt und zur Schule geht. Ihre darauffolgende Ausbildung beginnt sie in Kaiserswerth und setzt sie später in Hamburg fort - auch ihr künftiger Arbeitsort. Das Buch basiert teilweise auf biografischen Informationen der realen Person Therese Williams, der Hermann Schult auf einer Reise in Togo begegnete, ergänzt durch mögliche Lebensentwicklungen und historische Details, die durch zeithistorische Dokumente und Literatur gewonnen werden konnten. Es handelt sich um einen historischen Roman. Geschilderte Erfahrungen von Alltagsrassismus gegen als fremd und exotisch wahrgenommene, und daher auch auf Völkerschauen hergezeigte, ethnische Gruppierungen entsprechen tatsächlichen Ereignissen. Genauso verhält es sich mit den im Buch behandelten, kolonialen Machtverhältnisse zwischen Deutschland und Togo und der in Europa ausgestellten Raubkunst. Auch die Bedeutung des ersten Weltkriegs, besonders für Frauen, greift der Autor auf: Diese waren vorrangig in Munitionsfabriken oder, wie Therese, in jeglichen Pflegeberufen tätig. Anschließend werden auch reale nachkriegszeitliche Schwierigkeiten angesprochen, bis hin zur zuletzt ansteigenden Diskriminierung von Juden und „Nicht-Deutschen“ und deren Fluchtpläne unter Hitlers Machtübernahme.

Das Buch bietet einen spezifischen Einblick in eine Zeit und in Umstände, welche mir persönlich als weiße, im 21. Jahrhundert aufgewachsene, Mitteleuropäerin fern scheinen, auch wenn in der Realität ethnisch abwertende Haltungen leider nicht ausschließlich Geschichtsthema sind. Bei „Therese - das Mädchen, das mit Krokodilen spielte“ handelt es sich um keine leichte Lektüre. Man bekommt eine schwierige und durch Krieg geprägte, sozialpolitische Lage vermittelt, und beim Lesen durchläuft man von Mitgefühl und Trauer bis hin zu Freude eine Vielfalt an Emotionen. Thereses Beziehung zu ihren Pflegeeltern ist berührend schön - Fritz nennt sie häufig „mein Schokoplätzchen“ - und auch zu anderen Vertrauten wie zur Schwester Hedwig oder zur Togo-Missionarin Waltraud, genauso wie zum Ende des Buches hin zu ihrem Bruder Kodjo. Als Leser_in wird man zu Thereses Wegbegleitung während ihres Aufwachsens und des vermehrten Hinterfragens der eigenen Identität, bis sich das Spannungsverhältnis vom Deutsch- oder Afrikanisch-Sein langsam in einem Akzeptieren beider Teile aufzulösen scheint. Der Erzählstrang des Buches ist erfrischend unvorhersehbar und immerzu geprägt von zufälligen Begegnungen und Ereignissen. Das der Zeit gerechten, übernommene Vokabular ist im ersten Moment vielleicht ungewohnt, aber weniger irritierend als dass es die historische Realität widerspiegelt. Einzige Kritik meinerseits sind die meist recht kurzen und damit den Lesefluss beeinflussenden Kapitel, deren Überschriften außerdem oftmals den Inhalt bereits vorwegnehmen. Aber man könnte dies aber auch als Hinweis auf das etappenreiche Leben von Therese deuten. Alles in allem ein toller und lehrreicher Roman für Jugendliche und Erwachsene jeden Alters!


Erschienen bei Reihe Hanser

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Autorin / Autor: Konstantina - Stand: 8. Dezember 2021